7 Tage - 7 Songs (2/7): Guns N' Roses - Paradise City (1987)

18.09.2015 | 1 Kommentar | motorhorst

In autobiographischer Reihenfolge überspringen wir die belanglose Radiopop-Phase der 80er und kommen so von den ersten HipHop-Schritten direkt zu evilen Hardrock-Gitarrenwänden.
Der Ursprung des Interesses und der Begeisterung für dieses Lied bestand in einer dieser klassischen, rollbaren Strandmatten (aus Bast, mit dem grünen Stoffrand), auf der ein Mädchen mit schwarzem Stift "Take me down to the Paradise City / where the grass is green and the girls are pretty" geschrieben hatte. So einfach ist es manchmal, dass man seinen kompletten Musikgeschmack anpasst oder dreht. Und wem das noch nicht absurd genug ist, setze ich gerne noch ein Sahnehäubchen oben drauf: Zusammen mit "Pride (in the Name of Love)" von U2 sorgte das oben zitierte "Paradise City" von Guns N'Roses dafür, dass ich innerhalb kürzester Zeit so richtig in die Heavy Metal-Welt eintauchte und - um es mal positiv zu sehen - über den Umweg Grunge in der Abteilung Independent zu landen, was aber eine andere und spätere Geschichte ist.
 
Aber, aber...das ist doch gar kein Heavy Metal? Ja, schon klar. Aber das ist die Einstiegsdroge (wie wenn man zuerst Haschgift spritzt und dann auf einmal Heroin schnupft, kennt man ja). Und wenn das härteste vorher der Tsangarides-Mix von Depeche Modes "Never Let Me Down Again" war, dann ist diese Gitarrenpassage aus "Pride" schon ein ziemlicher Hammer. Oder eben das Anfangsgedängel von "Paradise City".  
 
Ich war gerade 18 geworden, stand kurz vor dem Abitur und besorgte mir die ersten beiden Gn'R-Alben (wenn man Lies mal als Album sehen will) und trotz solcher offensichtlicher Missgriffe, wie dem Text von "One In A Million", war das schon ein Ding. In meinem 127er Fiat, der kurz nach dem gemachten Führerschein bis zur finalen Transaktion (1 Kasten Bier) mein ständiger Begleiter sein sollte (also für 2 Jahre, logisch, TÜV halt), lag im Seitenfach vorne links immer eine Trillerpfeife, die ich in dem Moment, wenn im Song die, nun ja, "Trillerpfeifenstelle" kam, herausholte und kräftig hinein blies, was im Regelfall im Fond des Wagens für ausgelassene Begeisterung sorgte (Ich war schon damals der Showman, als den ihr mich alle zu kennen glaubt).
 
Der Song beginnt gleich nach dem beschriebenen Gedängel mit dem Mitsprech/sing/gröhl-Part, dessen Text eben auf der im doppelten Sinn beschriebenen Strandmatte stand, "Take me down to the Paradise City / where the grass is green and the girls are pretty" und wer alleine bei diesen Zeilen noch nie die Faust bzw. Gaaßmooß in die Luft gereckt und laut mit skandiert hat, der werfe den ersten Stein. Dann kommt entweder ein Keyboard oder eine sehr speziell gespielte Gitarre und dann eben die Trillerpfeifen- (oder wieder extrem verzerrte Gitarren-) Szene und gerade wenn der Jubel in meinem Auto, hinter meinem Fahrersitz und vor den zwei gigantischen Wohnzimmerboxen, die den kompletten Kofferraum dahinter ausfüllten, abklingt ist man auch schon mitten drin in dem wüstesten Gerocke, das sich ein unbedarfter Musikhörer vorstellen kann. 
 
Später gibt es natürlich noch ein paar Soli, die mich aber nie sonderlich interessierten, weswegen ich kurz darauf lieber zu Kreator oder Slayer griff als zu Iron Maiden oder Queensryche (Obwohl die Number Of The Beast und Operation Mindcrime sehr oft liefen und ich auch heute gerne noch in beide hinein höre). Dann schon lieber wieder die wilde Fahrt am Ende, wenn nach dem "Hooooooome"-Break zwischendrin dann noch mal das große Chaos losbricht und Axl nur noch jammert und wimmert, was er in seinem künstlerischen Leben auf und abseits der Bühne eben am besten konnte. Wenn notwendig, gab das Video dazu noch einen zusätzlichen Kick in den Hintern, weil man bei dieser Sequenz die wogende Menschenmasse im Publikum sah, die dazu komplett commando ging. Bald fand ich mich auch in solchen Menschenknäulen wieder, jedoch nie bei Guns N'Roses. 
 
Noch Jahre später - manchmal noch heute - beiße ich mir in den Hintern, nicht auf der 1992er Tour bei dem legendären Konzert in Würzburg dabei gewesen zu sein. Wirklich JEDEr aus Bayreuth scheint dort gewesen zu sein und auch fast alle Indie-Boys und Girls, die ich später kennen lernen durfte (ein Teil war auch in Stuttgart). Wenn ich nur 5 Cent bekäme, für jeden Schuh der im Schlamm feststeckte, jede Heimfahrt in der Unterwäsche und was weiß ich, dann wäre ich sicher auch kein Millionär. Aber fast. Mich grämt aber nicht die verpasste Chance, auf W. Axl Rose warten zu dürfen, sondern das relativ spektakuläre Vorprogramm mit Faith No More (zu Angel Dust-Zeiten) und Soundgarden (zu Badmotorfinger-Zeiten). Aber wozu verlorenen Punkten nachtrauern?
 
Ich habe nur ein einziges Mal im Second Hand Laden CDs verkauft, noch dazu für einen lächerlichen Betrag, den ich sofort wieder in andere gebrauchte CDs umsetzte. Neben einem Bathory- und einem Morbid-Angel-Album (die große "Altars of Madness"), bei denen ich jeweils dachte, der Phase entwachsen zu sein, waren auch die beiden "Use Your Illusion"-Alben dabei. Nicht ganz unschuldig daran war die Nirvana-Episode, die vielleicht nie oder vielleicht genau so passierte: Ein Fan sprang beim Konzert auf die Bühne. Er trug ein Guns N'Roses-Shirt. Kurt Cobain brach den Song ab und sagte, der Besucher könne nicht gleichzeitig Fan von Nirvana und Guns N'Roses sein. Darauf hin zog der Fan das T-Shirt aus, warf es weg und sprang unter dem Jubel der Fans wieder in die Menge.
Ich hatte mir beide Alben am Erscheinungstag gekauft.
 


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Kommentare

babygirliegirl am 18.09.2015 um 10:05 Uhr:

Alles an APPETITE FOR DESTRUCTION ist zum Niederknien.


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