Statt-Bahnhof, Schweinfurt
"von wegen"-Tour 2005



Das vorweg: Wir haben gerade nicht das Debutalbum einer Newcomerband, sondern die mittlerweile fünfte muff potter.-Platte vor uns. Und natürlich die bis dato Beste. Von Wegen? Aus Gründen!

Da wäre ganz zuerst einmal die Musik. Und die kommt hierzulande seltsamerweise und gerade bei Diskussionen um Musik viel zu kurz. Immer noch allerorten Abhandlungen über die neuen deutschen Frolleinwunder in den Charts und das Gezänk um eine Radioquote, anstatt um gute Musik, für die es eigentlich gestritten gehört. Deutschsprachige Musik wird als Phänomen diskutiert. Die Auseinandersetzung mit den Bands verläuft dabei in erster Linie über die endlich einmal verstandenen Texte, Interviews beackern lediglich Befindlichkeiten.
Halt! Soll man das Wort Gitarre nur noch in Rezensionen über skandinavischen Pimmelrock lesen können? Aber wo war denn auch die große deutschsprachige Rockplatte des Jahres, die es eben gerade musikalisch zu beklatschen galt? Vielleicht ist es ja diese. Für mich schon.

Die Songs sind, erstmalig in der Bandgeschichte, komplett aus der Hüfte geschossen. Erwies man sich in der Vergangenheit als Band, die lieber zwei Jahre länger, als zu kurz an einem Arrangement werkelte, wurden die 17 Stücke, die im Zuge der „VON WEGEN"-Produktion aufgenommen wurden, im Eiltempo, also in drei Monaten, anstatt in drei Jahren, geschrieben. Das Ergebnis sind frische und energetische Songs, knapp und auf den Punkt.

Und die klingen auch noch so gut. Hier haben die vier Potters mit Gitarren, Bass und Schlagzeug ein Album zusammengebastelt, das sich international messen lassen kann. (Nicht lachen, aber Japan klopft gerade laut an die Türe. Dort wird das Album im Laufe des Jahres in englischer Sprache erscheinen.) Produziert hat die Band, wie immer, selber. Mit Hilfe von Nikolai Potthoff. Als Wunschbesetzung der Band zeichnet Peter »Jem« Seifert (Donots, Slut, Virginia Jetzt!) für den Endmix verantwortlich. Zu viele Namen? Zu unplastisch? Stellen Sie sich mal kurz einen Schuppen in Bielefeld vor. Da wurde das aufgenommen. Und jetzt nehmen sie bitte den Hut ab!

Aber Spaß beiseite. Wir finden muff potter. gerade an einer entscheidenden Stelle eines bereits 12jährigen Weges wieder. Platte beim Major. Wie kam man da hin? Im Unterschied zu anderen deutschsprachigen Bands, mit denen man in den frühen Neunzigern zeitgleich und mit demselben Hintergrund aufgebrochen ist, haben sich die vier Münsteraner immer näher am Punk orientiert. Nicht an der Gröhl- und Saufvariante. Vielmehr haben muff potter. das etwas museale Ding für sich neu definiert. Sie nennen es selber Angry Pop Music. Die Band war in ihrer Anfangszeit natürlich nicht massenkompatibel, hat aber dennoch im Laufe der Jahre das Feld, aus der mittlerweile verlassenen Nische, von hinten aufgerollt. Über 400 Konzerte. Touren und eine Splitsingle mit Hot Water Music.

All dieses, ohne dass jemals eine andere Plattenfirma als das eigene Label »Huck's Plattenkiste« die unterstützenden Finger im Spiel hatte. »Huck's Plattenkiste« ist „aus Gründen" ganz dem alten Do-It-Yourself-Gedanken verpflichtet, ein muff potter. Familienunternehmen.
Das hat sich jetzt ein wenig geändert. Aber nicht grundlegend. Auch wenn sicher die üblichen Ausverkaufs- und Buh-Rufe die Runde machen werden, gilt es zu bedenken, dass hier eine fertig produzierte Platte Nachfrage geweckt hat und man nach 12 Jahren genug Erfahrung besitzt, zu sagen, ob und zu welchen Konditionen man mitspielt. Die Band hat sich schließlich entschieden, »Universal« für die CD und für das Vinyl den altehrwürdigen Münsteraner Mailorder und Plattenladen »Green Hell« als Partner ins Boot zu holen. Die Platte erscheint dort ohne Einschränkungen genau so, wie sie die Potters herausgebracht hätten, würden sie es alleine machen. Das hat man sich auch für die Zukunft zusichern lassen. Also eigentlich ist nach wie vor alles beim Alten, außer, dass neben »Huck's Plattenkiste« jetzt auch noch »Universal« oder »Green Hell« steht und die Band zwei bis drei offene Rechnungen begleichen kann.

Auch textlich ist man nicht weit „von Wegen" abgewichen, die sich durch alle Muff Potter Platten schlängeln. Die kreisen immer noch um den großen „Los! Stopp! Schade!"-Topos, das Scheitern und das wieder Aufstehen. Handeln von dem Gefühl und dem Wissen zu etwas nicht dazuzugehören und natürlich vom größten aller Gefühle. Alles wieder direkt von der Seele und dennoch schön auf den Punkt gebracht. Das emotionale Großreinemachen in „Den Haag" („Wenn die Liebe ein Schlachtfeld ist / Dann ist das hier Dein Den Haag"). Die Familienfeier in „Antifamilia", die aber auch genau so gut die öde Stammkneipe um die Ecke sein könnte („Zwischen Alkohol und Zigaretten / Gibt es hier nichts zu entdecken"). Und zum ersten Mal wird sich geprügelt. („Für die beste aller guten Sachen"). Aus Gründen.
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Erfasst von Barni

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