Die von Alex Ross Perry gedrehte Bandbetrachtung darf sicher als eine der ungewöhnlichsten, um-die-ecke-gedachtesten Musikdokus ever gelten. Zeitgleich ist "Pavements" nämlich ein Musical über die Gruppe ("Slanted! Enchanted!"), ein Making Of eines Hollywood-Bio-Pics über die Band ("Range Life - A Pavement Story") und eine reguläre Interview/historische-Clips-Doku, die aber in einer leicht alternativen Welt spielt, in der Pavement 'the world's most important and influential band' ist.
Jede dieser (mindestens) drei Ebenen hat ihre Quirks und ganz eigene Surrealität. Wie weird es doch ist, ausgerechnet Pavements Hymnen der Kakophonie in einem Musical-Setting mit engagierten TänzerInnen und ausgebildeten Sängern zu sehen, aber zugleich zu entdecken, wie melodisch sehnend diese Lieder ja auch klingen können. Perry zeigt die Musical-Sequenzen eben auch gerade nicht als Witz, sondern mehr im Sinn, dem Zuschauer einen anderen Blick auf die Band anzubieten, der sich von ihrem Slacker-Image löst. Ähnlich funktioniert natürlich auch die Biopic-Version, die - trotz ernsthaftem Spiel - allerdings deutlich stärker als Witz funktioniert und zum Meta-Kommentar - nun im Gegensatz zum Musical - nicht über die Band sondern das Wesen einer Bandverfilmung selbst wird. Wie gelungen "Pavements" all seine disparaten Elemente zusammenbringt, und damit selbst wie die besten Pavement-Songs funktioniert, wird in der dritten Ebene, der klassischen Band-Doku deutlich. Hier mischt Perry echte Ereignisse wie den Lollapalooza-Skandal (als das ROCK-Publikum die unwirschen Slacker-Pavements bis zum Konzertabbruch mit Schlamm beworfen hatte) mit einer fiktionalen Überhöhung der Band, bei der wirklich nicht mehr auseinanderzuhalten ist, was denn nun echt ist (Malkmus in einer Apple-Werbung? Eine Platin-Auszeichnung für "Crooked Rain, Crooked Rain"? "Here" mit seinem "I was dressed for success / but success it never comes" - Chorus als Soundtrack einer Abercrombie & Fitch - Werbung? Ich mein, die 90er waren WIRKLICH eine andere Zeit für diese Art von Musik), aber glaubwürdig das Gefühl der Wichtigkeit der Band vermittelt. Als Irritations-Sahnehäubchen wiederum stehen die echten Pavements nun in der halbfiktiven Ausstellung ihres eigenen Lebens und haben offensichtlich selbst keine Ahnung wieviel Witz und Ernst nun in dieser Situation steckt.
Ein unbedingt sehenswertes Experiment, das mit viel Finesse und offensichtlichem Fantum die Essenz einer Band einfängt, die immer auf der Flucht vor sich selbst war.
(Dieser Kommentar wurde 1 mal bearbeitet, zuletzt am 01.01.2026 um 18:11 Uhr.)
Großartiger Film mit so vielen Ebenen, dass man unter Umständen gar keine entdeckt, wenn man nicht ein wenig mit der Band und deren grundsätzlicher Verweigerungshaltung vertraut ist. Oberflächlich gesehen geht es um die Reunion-Tour der Indie Rock Helden Pavement, während gleichzeitig ein Biopic über sie gedreht, ein Musical inszeniert und eine Ausstellung kurartiert wird. Wir begleiten diese vier parallelen Events, die Proben, die Castings, durchsetzt mit historischen Schnipseln und nichts davon ist wahr. Also teilweise schon. Welche Teile? Das bleibt dann wieder unter vielen Metaschichten verborgen.
Und das ist nicht nur der Reiz, sondern die einzige Rechtfertigung für diese Docu- oder Mockumentary und wohl auch der einzige Weg, dieser Band tatsächlich gerecht zu werden.
Ein paar unsortierte Gedanken:
- Ich denke, dass ich noch sehr viel Zeit mit Hören, Nachlesen und Erforschen diverser Handlungselemente zu tun haben werde.
- Die Musicaldarsteller sind in ihrer Ergriffenheit und Hingabe an das Projekt fast zu bemitleiden, man merkt die ganze Zeit wie ernst sie alles nehmen, so wie es wohl nur Musicalmenschen tatsächlich tun können. Ob sie in irgendeinem Moment, selbst nach der Premiere wirklich alle wissen, was da geschehen ist?
- Stranger Things' Steve / Joe Keery als Joe Keery, der Stephen Malkmus im Biopic darstellen soll und sich dabei komplett in seiner Rolle (oder Malkmus selbst?) verliert, liefert eine Galavorstellung.
- In so vielen Szenen sehe ich den Grafen von Lowtzow, wie er 80% seiner Bühnenpersona und des Sounds vonTocotronic (zumindest bis Ende der 90er) von Pavement bzw. Malkmus abgepaust hat.
- Mark Ibold wäre für mich der Gewinner der Sichtung, hätte er nicht spätestens seit seiner Zeit bei Sonic Youth eh einen ganz großen Stein in meinem Gitarrenbrett.
In manchen Sequenzen zieht sich der Film etwas, in anderen rast er gagegen dahin (vor allem als die Projekte alle live/auf die Bühne gehen) und man geht als beschenkter Mensch aus der Vorführung.
Die Beobachtung mit den Musical-Menschen stimmt schon, wirkt auch nicht so, als seien sie "eingeweiht" gewesen.
Einen ähnlichen Fall gabs kürzlich bei "Nathan For You", zweite Staffel, als Fielder extra eine Casting-Show für Flugzeug-Piloten aufgezogen hat, um damit irgendeinen Punkt zu beweisen, die Kandidaten aber natürlich die Show ernst genommen haben. Ist dann auch immer die Frage, inwieweit da mit Gefühlen gespielt wird und ob das dann nicht doch egal ist, weil irgendwie ist's ja alles Entertainment.
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Christian_alternakid am 14.07.2025 um 09:35 Uhr:
Die von Alex Ross Perry gedrehte Bandbetrachtung darf sicher als eine der ungewöhnlichsten, um-die-ecke-gedachtesten Musikdokus ever gelten. Zeitgleich ist "Pavements" nämlich ein Musical über die Gruppe ("Slanted! Enchanted!"), ein Making Of eines Hollywood-Bio-Pics über die Band ("Range Life - A Pavement Story") und eine reguläre Interview/historische-Clips-Doku, die aber in einer leicht alternativen Welt spielt, in der Pavement 'the world's most important and influential band' ist.
Jede dieser (mindestens) drei Ebenen hat ihre Quirks und ganz eigene Surrealität. Wie weird es doch ist, ausgerechnet Pavements Hymnen der Kakophonie in einem Musical-Setting mit engagierten TänzerInnen und ausgebildeten Sängern zu sehen, aber zugleich zu entdecken, wie melodisch sehnend diese Lieder ja auch klingen können. Perry zeigt die Musical-Sequenzen eben auch gerade nicht als Witz, sondern mehr im Sinn, dem Zuschauer einen anderen Blick auf die Band anzubieten, der sich von ihrem Slacker-Image löst. Ähnlich funktioniert natürlich auch die Biopic-Version, die - trotz ernsthaftem Spiel - allerdings deutlich stärker als Witz funktioniert und zum Meta-Kommentar - nun im Gegensatz zum Musical - nicht über die Band sondern das Wesen einer Bandverfilmung selbst wird. Wie gelungen "Pavements" all seine disparaten Elemente zusammenbringt, und damit selbst wie die besten Pavement-Songs funktioniert, wird in der dritten Ebene, der klassischen Band-Doku deutlich. Hier mischt Perry echte Ereignisse wie den Lollapalooza-Skandal (als das ROCK-Publikum die unwirschen Slacker-Pavements bis zum Konzertabbruch mit Schlamm beworfen hatte) mit einer fiktionalen Überhöhung der Band, bei der wirklich nicht mehr auseinanderzuhalten ist, was denn nun echt ist (Malkmus in einer Apple-Werbung? Eine Platin-Auszeichnung für "Crooked Rain, Crooked Rain"? "Here" mit seinem "I was dressed for success / but success it never comes" - Chorus als Soundtrack einer Abercrombie & Fitch - Werbung? Ich mein, die 90er waren WIRKLICH eine andere Zeit für diese Art von Musik), aber glaubwürdig das Gefühl der Wichtigkeit der Band vermittelt. Als Irritations-Sahnehäubchen wiederum stehen die echten Pavements nun in der halbfiktiven Ausstellung ihres eigenen Lebens und haben offensichtlich selbst keine Ahnung wieviel Witz und Ernst nun in dieser Situation steckt.
Ein unbedingt sehenswertes Experiment, das mit viel Finesse und offensichtlichem Fantum die Essenz einer Band einfängt, die immer auf der Flucht vor sich selbst war.
motorhorst am 01.01.2026 um 15:00 Uhr:
Und das ist nicht nur der Reiz, sondern die einzige Rechtfertigung für diese Docu- oder Mockumentary und wohl auch der einzige Weg, dieser Band tatsächlich gerecht zu werden.
Ein paar unsortierte Gedanken:
- Ich denke, dass ich noch sehr viel Zeit mit Hören, Nachlesen und Erforschen diverser Handlungselemente zu tun haben werde.
- Die Musicaldarsteller sind in ihrer Ergriffenheit und Hingabe an das Projekt fast zu bemitleiden, man merkt die ganze Zeit wie ernst sie alles nehmen, so wie es wohl nur Musicalmenschen tatsächlich tun können. Ob sie in irgendeinem Moment, selbst nach der Premiere wirklich alle wissen, was da geschehen ist?
- Stranger Things' Steve / Joe Keery als Joe Keery, der Stephen Malkmus im Biopic darstellen soll und sich dabei komplett in seiner Rolle (oder Malkmus selbst?) verliert, liefert eine Galavorstellung.
- In so vielen Szenen sehe ich den Grafen von Lowtzow, wie er 80% seiner Bühnenpersona und des Sounds vonTocotronic (zumindest bis Ende der 90er) von Pavement bzw. Malkmus abgepaust hat.
- Mark Ibold wäre für mich der Gewinner der Sichtung, hätte er nicht spätestens seit seiner Zeit bei Sonic Youth eh einen ganz großen Stein in meinem Gitarrenbrett.
In manchen Sequenzen zieht sich der Film etwas, in anderen rast er gagegen dahin (vor allem als die Projekte alle live/auf die Bühne gehen) und man geht als beschenkter Mensch aus der Vorführung.
Christian_alternakid am 02.01.2026 um 11:42 Uhr:
Einen ähnlichen Fall gabs kürzlich bei "Nathan For You", zweite Staffel, als Fielder extra eine Casting-Show für Flugzeug-Piloten aufgezogen hat, um damit irgendeinen Punkt zu beweisen, die Kandidaten aber natürlich die Show ernst genommen haben. Ist dann auch immer die Frage, inwieweit da mit Gefühlen gespielt wird und ob das dann nicht doch egal ist, weil irgendwie ist's ja alles Entertainment.