(Dieser Kommentar wurde 1 mal bearbeitet, zuletzt am 05.11.2025 um 12:28 Uhr.)
Es gab in den 90ern ja diese Handvoll CDs, die einfach jede:r hatte. Mellon Collie, die erste Portishead und die Mezzanine (wie man das wohl ausspricht? Egal.), vor allem aber die DJ-Kicks von Kruder & Dorfmeister. Und wenn nicht, konnte man ins Wara Wara gehen, wo die einfach in Dauerschleife lief. Die K&D-Sessions waren dann nochmal ein ganz anderes Kaliber, als die Welt schon von den Cafe-del-Mar-Scheiben und -Menschen zugeschissen war. Und selbst das Comeback-Album 1995 (2020) fing den Spirit von 1996 nochmal perfekt ein.
Das ganze live mit Band? Bin ich dabei! Die Meistersingerhalle ist schon ein echt unmöglicher Ort. Der Sound ist gut (vielleicht etwas zu leise oder ich war ich zuletzt einfach auf zu vielen brachialen Konzerten), die imposante Light-Show wird etwas durch scheußliche Optik gebrochen und wenn die beiden Protagonisten das Mikro ergreifen, klingt es wie ein Plastikkassettenrekorder aus der Spielwarenabteilung.
Vor Beginn kann ich mich aber erstmal nicht an den Zuschauern im Foyer sattsehen und streife mehrfach durch die Menge. Man kann ja in Würde altern, aber viele Beispiele dafür gibt es hier heute nicht. Die Haare eine Spur zu lang, der Bart eine Idee zu zottelig, noch einmal die Buffalos und die Adidas-Trainingsjacke rausgekramt, aber so geil wie vor 30 Jahren passt das alles nicht, es ist ein Graus, mir doch egal, ich bin direkt aus Goa angereist, hast du noch Pappen? Kleiner Witz, der schöne Wein, kenntnisreich am Stiel geschwenkt, reicht vollkommen aus, wie ich hektoliterweise schauen durfte.
Pünktlich betreten Peter Kruder und Dorfmeister die Bühne und musizieren zunächst ganz klein nur zu zweit am vorderen Bühnenrand, das hat extrem viel Charme. Erstaunlicherweise schauen die beiden auch nicht mehr wie auf dem DJ-Kicks-Cover aus, wie ich - aus welchen Gründen auch immer, geistige Umnachtung vielleicht - erwartet hatte. Kruder ist der ergraute Herr mit Chris Cornell-Vibes, Richard Dorfmeister sportet unter seiner Basecap den Harald-Schmidt-Look aus der "Jetzt ist mir auch schon alles egal"-Phase.
Nach und nach kommt die Band auf die Bühne (4 Musiker, Bass/Drums/Tasten/Bongos), die beiden Hauptfiguren verziehen sich dann nach hinten, thronen aber an ihrem Pult über ihren Mitstreitern und natürlich den Dingen. Nach einigen Songs gibt es eine launige Ansage der beiden und die K&D-Sessions live ("Wie ihr sie noch nie gehört habt") dürfen beginnen. Die Sitzplätze sind ein Segen, so kann man sich ganz dem Zuhören widmen (wann macht man das zuhause schon mal, rein in den Sessel, nur die Musik, nix weiter - und warum eigentlich nie?) und dank Reihe 1 muss man das Elend hinter sich auch nur aus den Augenwinkeln wahrnehmen. Kurz gesagt: Es ist schwierig, wenn man ab Track 1 so richtig aus der Hüfte kommt und mitnickt als gäbe es Geld dafür und das ungelenke Herumgezucke würde den Mobiltelefonakku aufladen und dann wieder damit aufzuhören. Das musst du dann das ganze Konzert durchhalten, sonst denkt noch jemand, es machte auf einmal weniger Spaß und das wäre dann nur Deine Schuld, sorry.
Aber es steht wirklich niemand auf, um extatisch zwischen den Reihen zu tanzen like no one cares (Grüße an die Patti-Smith-Besucher in Kulmbach), denn schließlich hat man an die 90,- Euro für eine Karte gezahlt und da wäre man ja blöd. Sagen wir so: Der erste Teil dieser Behauptung stimmt.
Die Band spielt gekonnt auf und schafft es so, die Stücke von den Alben so umzusetzen, wie es Kruder & Dorfmeister selbst nicht für möglich gehalten hätten ("Zu viele Samples, zu viel Studio Magic"), folglich werden sie am Ende des regulären Sets nochmal einzeln vorgestellt und mit kennerhaftem Applaus bedacht. Ganz ehrlich: Mir war es stellenweise zu viel Muckertum und Show-Off. So schön wie es ist Drum&Bass im Wortsinn zu live zu hören, vermisse ich den Motorik-Beat und das reduzierte Spiel von Könnern, die ihre Anteile nur in den Dienst der Sache stellen. Über Mark E. Smiths Großmutter an den Bongos müssen wir kein Wort verlieren, alleine der Anblick dieses Instruments auf der Bühne verschlug uns schon den Atem und die Darbietung wurde ja mit am Rand des Bewusstseins befindlichem Jubeln und Pfeifen und dem unausgesprochenen "Geil, so geil würde ich auch gerne Bongos können." vom Auditorium bestraft. Richard Dorfmeister an der Querflöte verdient aber mein Lob und erzeugte warme Florian-Schneider-Gefühle im Nierenbereich.
Ich war etwas glücklich, dass meine Begeisterung für den Useless-Remix auf den K&D-Sessions wohl mehr als reiner Depeche-Mode-Bias war, denn das ist die erste Zugabe, bevor es mit Speechless noch ein Schmankerl von der Conversions (1996) gibt. Leider folgt es nach der finalen Verbeugung nochmal eine cringy Ansage, wo Kruder auf die tollen Merch-Artikel hinweist unter anderem die Sonnenblumen, die die Bühne der Tour schmückten (20 Schilling pro Stück), was manche Esel als Einladung für "Klaut sie euch einfach von der Bühne!" missverstehen, die aber glücklicherweise vom aufmerksamen Hallen-Personal augenblicklich zu Boden gåetasert werden. Meine junge Mitreisende, die sich aus Tradition die Setlist mopsen wollte, wurde von einer rüstigen Rentnerin "Keine Blumen mehr?" gefragt. Nach erfolgter Klärung der eigentlichen Absicht, durfte sie noch ein kleines Seminar halten, was denn eine Setlist überhaupt ist. So ging ein weiterer Mensch schlauer nach Hause als zu Beginn des Abends zum Veranstaltungsort.
Es ist einfach, sich über andere zu erheben und ich habe ja nicht zuletzt bei meinem legendären Tocotronic-Konzertbericht auf Facebook genug Feedback erhalten, um lebenslang gedemütigt zu bleiben. Aber ich bin mir sicher, ihr hattet einen geilen Abend ("Weißt du noch, damals bei Kruder und Dorfmeister? Geil!" - "Ja, GEIL!") und wahrscheinlich seid ihr auch richtig gute Tänzer, aber dann wart ihr gestern bei der Zugabe nicht in Bühnennähe.
Da stimme ich grad mal in ALLEN Punkten zu. Und da ich als Gästenlisten-Nichtsnutz (Danke, Zündfunk!) eher im hinteren Bereich Platz nehmen durfte, konnte ich der ein oder anderen Footwork-Choreographie beiwohnen. Leiwand. Noch was zum Chris-Cornell-Vibe: Ich dachte die ganze Zeit, da steht André Heller?
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motorhorst am 05.11.2025 um 07:56 Uhr:
Das ganze live mit Band? Bin ich dabei! Die Meistersingerhalle ist schon ein echt unmöglicher Ort. Der Sound ist gut (vielleicht etwas zu leise oder ich war ich zuletzt einfach auf zu vielen brachialen Konzerten), die imposante Light-Show wird etwas durch scheußliche Optik gebrochen und wenn die beiden Protagonisten das Mikro ergreifen, klingt es wie ein Plastikkassettenrekorder aus der Spielwarenabteilung.
Vor Beginn kann ich mich aber erstmal nicht an den Zuschauern im Foyer sattsehen und streife mehrfach durch die Menge. Man kann ja in Würde altern, aber viele Beispiele dafür gibt es hier heute nicht. Die Haare eine Spur zu lang, der Bart eine Idee zu zottelig, noch einmal die Buffalos und die Adidas-Trainingsjacke rausgekramt, aber so geil wie vor 30 Jahren passt das alles nicht, es ist ein Graus, mir doch egal, ich bin direkt aus Goa angereist, hast du noch Pappen? Kleiner Witz, der schöne Wein, kenntnisreich am Stiel geschwenkt, reicht vollkommen aus, wie ich hektoliterweise schauen durfte.
Pünktlich betreten Peter Kruder und Dorfmeister die Bühne und musizieren zunächst ganz klein nur zu zweit am vorderen Bühnenrand, das hat extrem viel Charme. Erstaunlicherweise schauen die beiden auch nicht mehr wie auf dem DJ-Kicks-Cover aus, wie ich - aus welchen Gründen auch immer, geistige Umnachtung vielleicht - erwartet hatte. Kruder ist der ergraute Herr mit Chris Cornell-Vibes, Richard Dorfmeister sportet unter seiner Basecap den Harald-Schmidt-Look aus der "Jetzt ist mir auch schon alles egal"-Phase.
Nach und nach kommt die Band auf die Bühne (4 Musiker, Bass/Drums/Tasten/Bongos), die beiden Hauptfiguren verziehen sich dann nach hinten, thronen aber an ihrem Pult über ihren Mitstreitern und natürlich den Dingen. Nach einigen Songs gibt es eine launige Ansage der beiden und die K&D-Sessions live ("Wie ihr sie noch nie gehört habt") dürfen beginnen. Die Sitzplätze sind ein Segen, so kann man sich ganz dem Zuhören widmen (wann macht man das zuhause schon mal, rein in den Sessel, nur die Musik, nix weiter - und warum eigentlich nie?) und dank Reihe 1 muss man das Elend hinter sich auch nur aus den Augenwinkeln wahrnehmen. Kurz gesagt: Es ist schwierig, wenn man ab Track 1 so richtig aus der Hüfte kommt und mitnickt als gäbe es Geld dafür und das ungelenke Herumgezucke würde den Mobiltelefonakku aufladen und dann wieder damit aufzuhören. Das musst du dann das ganze Konzert durchhalten, sonst denkt noch jemand, es machte auf einmal weniger Spaß und das wäre dann nur Deine Schuld, sorry.
Aber es steht wirklich niemand auf, um extatisch zwischen den Reihen zu tanzen like no one cares (Grüße an die Patti-Smith-Besucher in Kulmbach), denn schließlich hat man an die 90,- Euro für eine Karte gezahlt und da wäre man ja blöd. Sagen wir so: Der erste Teil dieser Behauptung stimmt.
Die Band spielt gekonnt auf und schafft es so, die Stücke von den Alben so umzusetzen, wie es Kruder & Dorfmeister selbst nicht für möglich gehalten hätten ("Zu viele Samples, zu viel Studio Magic"), folglich werden sie am Ende des regulären Sets nochmal einzeln vorgestellt und mit kennerhaftem Applaus bedacht. Ganz ehrlich: Mir war es stellenweise zu viel Muckertum und Show-Off. So schön wie es ist Drum&Bass im Wortsinn zu live zu hören, vermisse ich den Motorik-Beat und das reduzierte Spiel von Könnern, die ihre Anteile nur in den Dienst der Sache stellen. Über Mark E. Smiths Großmutter an den Bongos müssen wir kein Wort verlieren, alleine der Anblick dieses Instruments auf der Bühne verschlug uns schon den Atem und die Darbietung wurde ja mit am Rand des Bewusstseins befindlichem Jubeln und Pfeifen und dem unausgesprochenen "Geil, so geil würde ich auch gerne Bongos können." vom Auditorium bestraft. Richard Dorfmeister an der Querflöte verdient aber mein Lob und erzeugte warme Florian-Schneider-Gefühle im Nierenbereich.
Ich war etwas glücklich, dass meine Begeisterung für den Useless-Remix auf den K&D-Sessions wohl mehr als reiner Depeche-Mode-Bias war, denn das ist die erste Zugabe, bevor es mit Speechless noch ein Schmankerl von der Conversions (1996) gibt. Leider folgt es nach der finalen Verbeugung nochmal eine cringy Ansage, wo Kruder auf die tollen Merch-Artikel hinweist unter anderem die Sonnenblumen, die die Bühne der Tour schmückten (20 Schilling pro Stück), was manche Esel als Einladung für "Klaut sie euch einfach von der Bühne!" missverstehen, die aber glücklicherweise vom aufmerksamen Hallen-Personal augenblicklich zu Boden gåetasert werden. Meine junge Mitreisende, die sich aus Tradition die Setlist mopsen wollte, wurde von einer rüstigen Rentnerin "Keine Blumen mehr?" gefragt. Nach erfolgter Klärung der eigentlichen Absicht, durfte sie noch ein kleines Seminar halten, was denn eine Setlist überhaupt ist. So ging ein weiterer Mensch schlauer nach Hause als zu Beginn des Abends zum Veranstaltungsort.
Es ist einfach, sich über andere zu erheben und ich habe ja nicht zuletzt bei meinem legendären Tocotronic-Konzertbericht auf Facebook genug Feedback erhalten, um lebenslang gedemütigt zu bleiben. Aber ich bin mir sicher, ihr hattet einen geilen Abend ("Weißt du noch, damals bei Kruder und Dorfmeister? Geil!" - "Ja, GEIL!") und wahrscheinlich seid ihr auch richtig gute Tänzer, aber dann wart ihr gestern bei der Zugabe nicht in Bühnennähe.
barracuda am 05.11.2025 um 11:01 Uhr: