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ROCKER'S AREA

Von der Unmöglichkeit seinen eigenen Weg zu gehen, ohne sich umzubringen

Fehlfarben, Berlin/Admiralspalast, 8. Juni. Bier 5 Euro.
Es ist bizarr: Deutschlands aufrechteste Punkband, Deutschlands original Punk – und sie spielen im poshsten Milieu imaginable. Admiralspalast, Berlin. Bier 5 Euro. Im Erdgeschoß eine Comedy-Veranstaltung für die Massen, Fehlfarben im 4. Stock für die altgewordenen Punks. Es passt zu Fehlfarben wie zu keiner anderen Band: sie sind unbequem, sie passen sich nie ein, sie sind unberechenbar. Und all das konzentriert sich in der Person Peter Hein.

Das Nein als Prinzip

Das Konzert beginnt eigenartig genug: „Das war vor Jahren“ – die Hymne des vermuteten Sieges auf dem 1980er „Monarchie & Alltag“ – Werk - spielen sie in einer Easy Listening Version zu Beginn. Und so wird es den restlichen Abend weitergehen. Peter Hein hasst die Vorstellung, dass diese Menschen gekommen sind um 27 Jahre alte Lieder zu hören. Er will nicht deine verdammte Jukebox sein und lässt dich das in jeder Sekunde spüren. Beinahe mit Abscheu spielt er die alten Songs, provoziert das Publikum ständig mit höhnischen „Danke für die Geduld“-Phrasen nach den aktuellen Songs bis er den Fehlfarben-Song ankündigt, der – wie wir alle wissen – erwiesenermaßen das größte Lied deutscher Sprache ist: „So, jetzt kommt der Song, den ihr alle so mögt“ – Publikum jubelt – „Nein, nicht den Song, den ihr alle so mögt und wir gar nicht, sondern den Song, den ihr alle so mögt und wir auch ganz ok finden.“. Paul Ist Tot. Wie immer zersingt Hein die adoleszente Wucht, die er damals in diese Sätze legte. Aber es muss vielleicht auch so sein, wenn wir Heins Logik folgen. Wie ein von Lowtzow heute nicht mehr Teil einer Jugendbewegung sein kann und Jochen nicht mehr in der Ghettowelt lebt, kann Hein nicht mehr die Desillusion der Jugend besingen, sondern muss diesen Text in die Abscheu des Alters transportieren. Mit 21 Jahren war in „Paul Ist Tot“ die Angst, etwas zu versäumen und nicht das zu Bekommen, was man doch eigentlich will. Mit 49 Jahren ist es das Wissen darum.

Das Nein als Person

Und es gibt niemanden, niemanden in diesem ganzen Land, der zugleich die Abscheu vor dem Jetzt, vor dem Altern, vor dem Sein dir so entgegenschleudern kann und trotzdem aufrecht steht. Ohne Pathos, ohne Stolz. Hein macht es immer noch auf seine Weise, er verweigert sich. Hein verweigert sich in Teilen sogar so konsequent, dass er sich der Verweigerung verweigert: „So schön dass ihr alle da seid. Ich hoffe ihr macht guten Umsatz. Also für uns, die Theke ist mir egal.“

Im Grunde: Philosophie.

Genau aus diesem Punkt sind Fehlfarben-Konzerte Lehrstunden: in ihnen wird die Absurdität des Punk in ihrer Gänze aufgefächert. In Hein kulminieren alle Widersprüche, die Punk in sich trägt. Punk ist angetreten, um die Regeln zu brechen. Wenn das Regeln brechen, aber zur Regel wird, ist das Regel einhalten das Regeln brechen. An diesem Irrsinn arbeitet sich Punk seit 30 verdammten Jahren ab und stellvertretend wie kein zweiter: Peter Hein. A walking contradiction. Von der Unmöglichkeit seinen eigenen Weg zu gehen, ohne sich umzubringen.




Du siehst Peter Hein auf der Bühne stehen, komplett in weiß gekleidet, aber mit ranziger Lederjacke, aber mit strassbesetzten schwarzen Anzugschuhen.

Du bist angewidert und angezogen. Es ist eine Freakshow ohne Show. Es ist nie Act, aber natürlich weiß Hein andererseits darum, dass hier alles eben doch Show ist. „Der Zeitgeist soll mich am Arsch lecken“ sprach Claus Peymann einst und man darf sicher sein, dass Hein diesen Satz unterschreiben würde. Aber wahrscheinlich würde Hein sehr viele Sätze mit diesem Fazit unterzeichnen. Er ist die personifizierte negative Energie.

Durch Peter Hein werden die Fehlfarben undurchdringbar, intransparent. Alles ist möglich. Das Bedienen der Erwartungen in der einen Sekunde wie die radikale Verweigerung desselben in der nächsten. Sie spielen „Wilde 13“. Ein Hit der Fehlfarben, aber aus der Phase ohne Peter Hein. Hein: „Ja, jetzt spielen wir eben was zum Tanzen. Ich musste den Song auch erst lernen für euch. Das war nicht meine Welt.“
Es ist verwirrend wie nichts, in sich selbst gleichzeitig das Begehren zu spüren, nie werden zu wollen wie Peter Hein und das Bedauern, letzten Endes nie wie er werden zu können.

Nostalgie ist für Arschlöcher.

Die zweite Hälfte des Himmels könnt ihr haben
doch das hier und das jetzt
das behalte ich.


Von links nach rechts: Alltag, Monarchie.

Ausblick aus dem vierten Stock des Admiralspalastes, kurz vor dem Fehlfarben-Konzert.

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Kommentare

11.06.2007
20.50 Uhr
danke christian, hatte befürchtet, die farben wären auch am ende ihrer selbst angekommen und würden nun reuniert durch die hallen der punkbewegten bürgerlichkeit tingeln – nach deinem bericht ist das ansehen des heins bei mir wieder um einige punkte gestiegen. doch sein wie er? auch das niemals!
12.06.2007
01.00 Uhr
Lieber Christian, bitte vergiß nicht, bei aller liebe, die Fehlfarben bestehen nicht NUR aus Peter Hein.
Und lieber Roter Blitz, außer irgendwelchen Malcolm McLaren Punks, Emokids und Kneipesbrüdern sagt niemand "Farben". Wo haste das denn aufgeschnappt, in der neuen Neon, oder wie? Das wäre je genauso als sagt man zu Schnaps Milch. Und das Milch schlimmer als Aids ist erwähne ich hier nur am rande.
12.06.2007
09.44 Uhr
Ich hatte auch einen zweiten Text im Hinterkopf.
dort hätte ich Saskia, die extremes heartbreakingpotential bei mir hat (ich mein, hallo? kurze haare! rocknroll! biertrinken!) als Herz der Band abgefeiert,
das unglaublich sympathisch teddybärhafte von Linksnachrechtsgewackel Dahlkes virtuell geherzt
und Fenstermacher als meine 1a-Wahl für die schlimmste Bühnenband ever gewählt - endlich ein Kumpan für den Bassisten vom Blumfeld.

Und ich hatte mich sogar schon so weit umstandsformuliert aus dem Fenster gelehnt, dass ich Michael Kemner als Stephan Remmler auf H bezeichnet hätte und euch fragen wollte, wie Stephan Remmler auf H aussieht - und da ihr natürlich nicht die richtigen wertschätzenden Worte gefunden hättet, wäre ich euch unter die armegreifend zu Hilfe gekommen: "und wenn ihr wissen wollt, ob Stephan Remmler auf H cool aussieht, dann lasst es mich so sagen - würde das Ende der Welt aussehen wie Stephan Remmler auf H, man wäre so begeistert, dass man kaum erwarten könnte bis es endlich so weit ist."


aber dann habe ich mich doch dafür entschlossen, einen Text über Punk zu schreiben für den die Fehlfarben nur den Startpunkt bilden, den Rahmen liefern. Heins Stellvertreterkampf ins Bild zu rücken und an ihm zu zeigen, warum im Punk die systemzersetzenden Kräfte systemimmanent sind. Deshalb kann Punk nie ankommen, ist Punk immer unterwegs, wird Punk nie glücklich - oder besser: darf er nie glücklich werden, weil er er dann irgendwo angekommen wäre, was er doch per Definition nicht darf/kann.
12.06.2007
15.29 Uhr
Seit wann sind denn Fehlfarben Orginalpunk???? Selbst Abwärts sind mehr "punk"! Fehlfarben sind genauso Punk(ich will dieses wort eigentlich überhaupt nicht mehr in den Mund nehmen) wie die Toten Hosen oder die Ärzte. Ich glaub jetzt gehts los... Was ist denn dann mit Razzia, Boskops, Slime, OHL,EA 80...etc. HEAVY METAL? Das Bier hätt nen 10er kosten solln! Fuck the Mittelschicht! Amen!
12.06.2007
15.32 Uhr
Fehlfarben waren und sind schon immer: NDW genau wie D.A.F./Neubauten.. zugegeben, die Indie-Variante. Aber trotzdem NDW!
12.06.2007
15.46 Uhr
Andi, an dieser beispielhaften Aussage sieht man mal wieder warum dein Plattenladen so gut läuft...
12.06.2007
16.08 Uhr
herrgott, nein. das ist geschichtsklitterung.

Fehlfarben sind natürlich Punk, genauer gesagt eigentlich Postpunk - wobei das in deutschland etwas schwierig ist, weil die richtige punkwelle ja hierzulande erst mit verzögerung (1979/80 ff.) wirklich existent war, wohingegen wir die postpunkwelle (1979/80/81) fast zeitgleich bekamen, die eigentlich nach der punkwelle kommt. Rodenkirchen is burning, März 1978. das ist und bleibt die geburtsstunde des deutschen Punk, wenn auch zu großen Teilen bereits im Postpunkkleid. Dass Fehlfarben dann von der großen bösen Plattenfirma in die NDW ecke gestellt wurden, ist eine ganz andere Geschichte und sicherlich auch nicht unschuldig an Peter Heins Ausstieg bereits zum ersten Album.

Fehlfarben sind die aus Mittagspause und Charley's Girls gewachsene Band - das erste Fehlfarben Album war 1980, Slimes Debüt 1981. Charley's Girls wurden 1977 gegründet, Mittagspause 1978. Peter Hein, Franz Bielmeier und der jetzige Professor an der Münchener Akademie der bildenen Künste Markus Oehlen waren Charley's Girls. Oehlen & Hein machten mit Mittagspause und dann eben unter dem Namen Fehlfarben weiter. Die inzestuöse Düsseldorfer Szene war ja äußerst volatil, was bandbesetzungen anging - auch Gabi Delgado-Lopez war in der einen oder anderen Inkarnation dabei bevor er mit DAF 79-82 eine sehr deutsche Art des Post-Punk kreierte, die ihn als einzigen auch in Punks Mutterland brachte.

Fehlfarben sind Deutschlands Gang Of Four zu Slimes Sex Pistols - nur dass Slime eben nicht wie die Sex Pistols ein paar Jahre früher dran waren. beides hat seine berechtigung, aber Punk auf 1-2-3-4 und Bullenschweine zu reduzieren, tut dem Genre Unrecht. there is more than meets the eye.

zur NDW: ja und nein. Alfred Hilsberg hatte selbst den Begriff 1979 eingeführt (im "Aus grauer Städte Mauern" artikel in der Sounds), aber NDW wurde dann wie "New Wave" in england und amerika eben in den folgejahren nicht mehr wie ursprünglich als synonym für punk (siehe auch The Clash, 1977, in "I'm So Bored With The USA": "I salute the New Wave / and I hope nobody escapes"), sondern als Bezeichnung für eine domestizierte, massentauglichere Variante des ursprünglichen Punk verwendet. Das heißt: Ja, Fehlfarben sind NDW im Sinne Hilsbergs und im Sinne der Jahre 1977-1979 und Nein, Fehlfarben sind nicht NDW aus dem Blick der Jetztjahre und des allgemeinen Verständnisses.


anm.: original punk, damit ist Peter Hein und nicht Fehlfarben gemeint (was aber eigentlich eine spielerische freiheit meinerseits ist, da sich Franz Bielmeier immer als "original punk" bezeichnet hatte und das erste deutsche Punk-Fanzine namens The Ostrich herausgegeben hatte)
12.06.2007
16.29 Uhr
Ok, hallo?
Punk is doch keine Musik, aber Musik kann das resultat von Punk sein!
12.06.2007
16.51 Uhr
PUNK IST TOT!so richtig lang schon ihr superschlauen. und wie mein plattenladen läuft geht euch nen scheiss an.DAS hier seh ich nicht als werbeplattform.Nase!
12.06.2007
17.04 Uhr
Zurück in eure ecken und auf den gong warten...
12.06.2007
17.08 Uhr
hey, Billy Childish hören!
Punk Rock Ist Nicht Tot.
13.06.2007
12.44 Uhr
Mit einem Schweinebraten im Maul, läuft selbst der älteste Kaul!

Mensch Ihr Bürschchen, beruhigt Euch doch mal!!!
Also ich habe mal in einem Plattenladen in Frankfurt, eine Scheibe von Guildo Horn & die orthopädischen Strümpfe in der Kategorie PUNK entdeckt..., darüber sollte man sich mal aufregen!?
13.06.2007
12.58 Uhr
Kaul-Schmaul. Oder heißt es eher Gaul-Schmaul?
13.06.2007
13.20 Uhr
Ey, nix gegen Rolf Kaul, ihr Satelliten.
War einer der ganz großen im gelb-schwarzen Trikot:
http://www.fussballdaten.de/spieler/kaulrolf/
13.06.2007
22.44 Uhr
@marquant: ick dachte, farben zu sagen, wär' voll punk, scheisse, war wohl nix. eigentlich hatte ich nur wenig zeit und wollte abkürzen wo es geht, bein nächsten mal dann halt FF, is noch kürzer. zum vergleich von schnaps und milch kann ich sagen, dass beides gut zusammengeht in der herrlichen langgetränkmixtur wodka-ovomaltine. prost.
14.06.2007
08.55 Uhr
was auch für Gin & Milk gilt
14.06.2007
12.14 Uhr
Mensch Motor! Du hast es gecheckt, natürlich war der alte Rolf gemeint...
23.09.2007
18.25 Uhr
Peter Hein bei tracks auf arte:

"Fehlfarben? Überbewertet. Ich mein', dass ich eine lebende Legende bin und dass ich Meilensteine und Meisterwerke geschaffen habe, das weiß ich auch so. Das muss man mir nicht jede Minute um die Ohren hauen."


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