The Gang of Gin. And Milk.

07.04.2006 | 12 Kommentare | Christian_alternakid | Keine Bewertung
Eine Geschichte auf dem Weg von Waterloo nach Albion
What I Like Most About You, Pete, Is Your Girlfriend And Your Shoes.

Im Herbst letzten Jahres erschien das erste Post-Libertines-Werk, Dohertys Down In Albion. Wie zu erwarten war, konnte es nie an überzogene kommerzielle Erwartungen anknüpfen, hatte aber gerade durch seine Unzugänglichkeit, seine Brüche einen Charme und eine holprige Qualität, die nur allzu selten von Plattenfirmen glatt gebügelten Releases erreicht wird.

Ladiiies and Gentlemen!
Mister Carlos Barat!


Ein halbes Jahr später steht die Ankunft des zweiten Libertine bevor: Carl Barat hat mit dem Libertines-Stamm-Drummer Gary Powell und dem Doherty-Tour-Ersatz Anthony Rossamondo seine Dirty Pretty Things gegründet, die von Didz Hammond vervollständigt werden, der für Carls Band extra die in manchen Kreisen durchaus hoch geschätzten Cooper Temple Clause verließ.
Was bringt er nun mit, der Carl? Ein erster Vorgeschmack war die mit großem Pop geschriebene „Bang Bang You’re Dead“ Single, der Promo-Albumsampler mit fünf weiteren neuen Songs bestätigt die Vermutungen: Im Gegensatz zu Ramshackle Pete bringt Carlos im positiven (wie auch negativen, depends on your point of view, eh) Sinne aus Waterloo ein Album im Stil von Up The Bracket mit.

And all the memories of the pubs and the clubs and the drugs and the tubs
we shared together
will stay with me forever


Im Grunde scheint sich Carl noch weniger von den Libertines lösen zu können, was im ersten Moment überrascht, da doch Peter immer als der erschien, der die Welt der Libertines so verinnerlichte, dass man ihn sich nie ohne Albion vorstellen konnte. Während Doherty aber auf Down In Albion uns beim Abstieg in die Hölle zusehen ließ und auf Vinyl presste, was vom einstmals blue-eyed boy, dem stylish kid in the riot, den Boys in the Band übrig geblieben war, und zu dem Wrack, dessen einziger Halt seine Lieder sind, wurde, das eine Zeile wie „So fuck forever. If you don’t mind.“ mit einer – Paradox – aggressiven Gleichgültigkeit singen konnte und Glaubwürdigkeit innerhalb des Nichts („What's the use between death and glory? I can't tell between death and glory“) behielt, sehnt sich Barat nach den Good Old Days. Wenn es bei Pete mehr denn je if you’ve lost your faith in love and music the end won’t be long heißt und zweifelsohne klar ist, dass nur die beiden, Love and Music, ihn halten, ist Carl der romantischen Verklärung des Vergangenen letztendlich wohl sogar näher.

Well, tell me baby, how does it feel?
I know you like the roll of the limousine wheel


Natürlich kann man ihm auch Kalkulation vorwerfen: die Libertines, die Tragik des Scheiterns, ohne die England eben nicht mit all den unfassbar erfolgreichen Gitarrenbands überschwemmt wäre… die Libertines, die doch eigentlich da stehen müssten wo die Arctic Monkeys jetzt thronen, ohne die es die Razorlights dieser Welt nie geschafft hätten… sie haben immer im rechten Zeitpunkt alles hergeschenkt. Kann man Barat nun böse sein, wenn er die Früchte einsammeln mag, in dem er mit „Waterloo To Anywhere“ ein Album im Geiste von Up The Bracket veröffentlicht? Wenn er all das holprig-stolpernde, das Peter in die Beziehung einbrachte, das auf Down In Albion ohne das Korrektiv Barat erstmals ungeschönt zu Tage trat, aber sehr wohl schon als Writing On The Wall auf „The Libertines“ nicht zu übersehen war, weglässt und im übertragenen Sinne wie in seinem signaturetune wieder „I get along, singing my song. People tell me I’m wrong. Fuck ’em“ singt? Eigentlich nicht, denn: you fucking love it. Don’t you?

A problem,
here comes a problem


Eigentlich. Denn im Grunde bricht es nur wieder das Herz, aufs neue. Gerade weil Waterloo To Anywhere so sehr im Geiste von Up The Bracket gespielt ist, aber Doherty in jeder Sekunde fehlt. Klar, Deadwood, Bang Bang You’re Dead oder Gin & Milk, auch You Fucking Love It sind allesamt Songs klassisch britischen Punks, wie sie seit 1977 selten besser gemacht wurden und es macht eine unheimliche Freude, Carl wieder unbelastet aufspielen zu hören, aber ist manchmal zu nahe an Up The Bracket, als dass man jemals die Libertines verdrängen könnte.

And everywhere I'm walking like a cyclone.
But don't mind me.


Hat man sich auf Down In Albion gewünscht, einer (Barat) würde kommen, Pete am Kragen packen und durchschütteln, wieder gerade hinstellen und die Crackpfeife aus der Fresse schlagen, damit wenigstens etwas Ordnung in dieses himmlische Chaos käme, so sehnt man sich andererseits bei den Dirty Pretty Things, dass Doherty durch den Raum stolpert, über den Mikrofonständer fällt und Barat ein Book Of Albion, ein Tagebuch mit hunderten kaum leserlichen Lyrics in die Hand drückt, damit auch Carl etwas zu sagen hat, wenn er singt.

Don't look back into the sun
now you know that your time has come
and they said it would never come for you


Zwingt man sich, die Dirty Pretty Things als neue Band zu sehen und versucht trotz aller Ähnlichkeiten das erdrückende Libertines-Bild aus dem Kopf zu verbannen, dann bleibt am Ende ein Triumph für Barat stehen. Dass Waterloo To Anywhere kaum nach nirgendwo, sondern geradewegs to success führt, bedarf keiner prophetischen Künste. Die Dirty Pretty Things werden hinsichtlich der Vekaufszahlen aus 12 Meter auf die Babyshambles pissen, keine Frage. Dass die Lyrics nie Dohertys Höhen erklimmen, geschenkt, dafür haben wir dessen Akustikpaket und nehmen mit Freuden wahr, dass Herr Doherty zwischen all den Gerichts- und Gefängnisaufenthalten, Grazbesuchen und Paparazzijagden wieder Zeit findet, Songs zu schreiben: das im Januar debutierte „The Blinding“ ist der beste Beweis.

Es bleibt schmerzenden Herzens anzuerkennen, dass 2+2 eben nicht 5, sondern 3 ist: Barat und Doherty waren zusammen ein Songwriterduo, das die britische Rockmusik in diesem Jahrzehnt revolutionierte. Doch wie Lennon und McCartney waren sie zusammen ein Songwriterduo, das die britische Rockmusik revolutionierte – allein sind sie immer wieder zu faszinierenden Leistungen fähig, doch fehlt Doherty das Korrektiv, jemand der ihn hält, auf dass er sich nicht in den Abgrund stürzt und fehlt Barat das Chaos, die Willfährigkeit, sich in den Abgrund zu stürzen.

Kommentare

09.04.2006
18.15 Uhr
Word.
09.04.2006
21.07 Uhr
http://www.bildblog.de/?p=1274
09.04.2006
22.28 Uhr
sensationeller pete-beitrag heute bei, äh, exclusiv weekend. höhepunkt war paul sahner als sachverständiger zum thema "böses kokain", der forderte, pete (der im beitrag permanent "dorety" genannt wurde) müsse zügig in eine "nervenklink" eingewiesen werden, weil es mit entzug alleine wohl nicht getan sei.
09.04.2006
22.39 Uhr
oh gott, der Paul "Senta, wir kennen uns ja jetzt schon seit Jahrzehnten, ich lasse es in dem Interview einfach beim Du" Sahner. den hatte ich schon ganz vergessen. ein eitler fatzke, bei dem es mit foto-entzug alleine wohl nicht getan sein wird, den müsste man doch eigentlich in eine nervenklinik einweisen.

schön aber dass fachtermini wie "nervenklinik" noch von jemand verwendet werden.
09.04.2006
22.56 Uhr
wirklich schön war aber, wie eine rtl-hilfspraktikantin o.ä. pete erstmal umständlich wachrütteln musste, damit das interview losgehen konnte. der hielt nämlich auf dem interviewsofa ein behagliches nickerchen.

wirklich unangenehm aber: die befragten grazer doherty-fans, sämtlich mit doherty-hütchen.
10.04.2006
21.42 Uhr
Besser als SPON und Bild, selbstredend schlechter als der _alterna: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/293463
10.04.2006
22.36 Uhr
nanana! jetzt mal ruhig mit den jungen pferden, der herr teilzeitjournalist schreibt doch besser, ernsthaft!
10.04.2006
23.01 Uhr
pony, pony, was schaust du bloß für krampf an...
10.04.2006
23.12 Uhr
die pony macht da bestimmt nur studien über das volk um danach schmierige artikel (mit tollen fotos!) zu verfassen!
11.04.2006
05.24 Uhr
ich geb dir gleich schmierig! du wirst mir noch danken, evtl. auf knien.
aber erst töte ich alle vögel, die da draußen rumbrüllen. alle, alle, alle.
11.04.2006
08.16 Uhr
das frühe pony fängt die vögel....
11.04.2006
08.17 Uhr
by the way: bin gestern mit dem ipod durch die flure im verlag gelaufen und habe "toc, toc, toc, mein blindenstock lockt rossmann auf die beee-quad (?)" gesungen und plötzlich kam mein chef vorbei...

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