IT'S A KLASSIKER

Oh my god! It's underrated!

08.10.2006 | 4 Kommentare | Christian_alternakid | Keine Bewertung
Heute: Ramones - The End Of The Century
Diese Reihe soll sich jenen Diamanten der Musikgeschichte widmen, die unbeachtet wie ein Stück Kohle am wärmsten Sommertag des Jahres im Keller gelassen wurden.

Dass die Ramones eine der wichtigsten Bands des Rock'n'Roll waren, benötigt keiner Ausführung. Als Beweis genügt die knappe halbe Stunde des selbstbetitelten Debutalbums, der unwiderstehliche Angriff auf Bubblegumpop mit den schärfsten Buzzsawgitarren der Welt "Judy Is A Punk" oder einfach ein lautes Hey Ho Let's Go.
Doch wo kaum Diskussionen über die ersten vier Ramones-Alben bestehen, wird Album Nummer 5 - obwohl eigentlich das letzte wirklich großartige Werk der Bruddas - sträflich vernachlässigt.
The End Of The Century ist dabei das interessanteste Album der Ramones überhaupt.

Baby, I Love You

Die Ausgangssituation zu den Aufnahmen ist gleichermaßen gänzlich absurd wie vollkommen logisch. Hier wächst zusammen, was zusammen gehört und doch niemals zusammen kommen kann. Im Gegensatz zum Nihilismus der Velvets und später der Pistols oder der erhobenen Faust der Clash waren die Ramones immer dem Bubblegum zugetan. Die frühen Beach Boys, klassischer Rock'n'Roll und vor allem die Girl-Groups der 60er waren die entscheidenen Einflüße, die die Ramones in die Punk-Gleichung mitbrachten und mittels ihrer 1-2-3-4-Herangehensweise, den Produktionen direkt aus der Garage und diesen sägenden Gitarren zu etwas vollkommen neuem vereinten.

Der Großmeister der 60ies-Girl-Groups wiederum war Produzent Phil Spector, Erfinder des sogenannten Wall Of Sounds. Ein Perfektionist, Exzentriker, manisch besessen von der Suche nach dem richtigen Sound: wer jemals "Be My Baby" der Ronettes gehört hat, weiß, was Wall Of Sound bedeutet. Auf der anderen Seite die vier Jungs aus Brooklyn, deren größtes Verdienst das Weglassen jeglicher Produktion, ja, die Reduktion auf die einfache Essenz von Rock'n'Roll war.

Beat On The Brat

Diese beiden Lager machten sich auf, nach den vier klassischen ersten Ramones-Alben zusammen The End Of The Century aufzunehmen - einerseits Brüder im Geiste durch die Girl-Group-Historie, aber andererseits mit den größten vorstellbaren Unterschieden in der Herangehensweise.
Demzufolge fanden die Aufnahmen auch in einer gespannten Atmosphäre statt: die Ramones, die es gewohnt waren, jeden Song wie live ein oder zweimal zu spielen und aufzunehmen wurden aufgerieben von Spectors manischem Perfektionsdrang, der mal um mal neuerliches Einspielen der einzelnen Parts forderte.

I Can't Make It On Time

Wie weit diese beiden Welten auseinander lagen zeigt die Aussage Joey Ramones: "Phil insisted that we play songs over and over. The entire process took only three weeks, but in Ramones time, it was interminable." Unvorstellbar, drei Wochen Produktion für ein ganzes Album - eine lächerlich kurze Zeitspanne, doch für die Ramones eine gefühlte Ewigkeit. Kaum anzunehmen, dass Spector zuvor eine einzige Single in so kurzer Zeit produziert hatte! Mit jedem Tag wuchsen die Spannungen bis es zu einem Zwischenfall kam, der seinen festen Platz in der Rock'n'Roll-Folklore eingenommen hat: Dee Dee, gänzlich entnervt, begehrt gegen das Ansinnen Spectors auf, ein weiteres Mal seinen Part einzuspielen, woraufhin der sonnenberillte Produzent eine Pistole zieht und Dee Dee, den härtesten der Ramones-RocknRoller, mit Waffengewalt zwingt, ein weiteres Mal diesen einen Basslauf zu spielen...

Do You Remember Rock n Roll Radio?

All dies wäre nicht der Rede wert, wenn aus The End Of The Century nicht ein so hervorragendes Album entstanden wäre, das gleichermaßen an seinen Zielen scheitert wie Versprechen einlöst, an die man nicht glauben mochte. Ohne Spector wären ein Song wie "Danny says", der eben nicht mehr an die frühen Beach Boys Strandhits wie üblich mahnt, sondern geradewegs das Wilson-Spätwerk in Sachen Arrangement besucht, unvorstellbar gewesen. Allein für diese drei Minuten und sechs Sekunden hatte sich all der Ärger gelohnt. Auch Album-Opener "Do You Remember Rock'n'Roll Radio" vereint auf die beste vorstellbare Weise den Punk der Ramones mit dem RocknRoll der 50er und 60er Jahre. Ein Schulterschluß, ein Verneigen vor Idolen wie Jerry Lee Lewis, den Barbarians und DJ Alan Freed, das zu keiner Nostalgiefeier wird, sondern mit den Mitteln der Ramones, also der Jugend der 70er, aufrichtige Bewunderung ausdrückt. Beinahe ein Schwestersong ist "Rock'n'Roll Highschool", der Titelsong des gleichnamigen Ramones-Films, der so wundervoll amüsant wie dumm ist und damit die Essenz der Ramones tatsächlich einfängt und auf die Leinwand überträgt. Ein weiterer Höhepunkt ist "I Can't Make It On Time", das ebenfalls auf die Girl-Group-Ästhetik zurückgreift, jedoch im Gegensatz zum ebenfalls enthaltenen Ronettes-Cover "Baby I Love You" (und einzigem Top10-Hit der Ramones überhaupt), schlüssiger, weil natürlicher wirkt.

This Ain't Havanna

Die Probleme des Albums liegen wiederum im Verschütten der einstigen Ramones-Stärken: die geradlinigen Ramones-Punk-Songs werden mit Ausnahme von "This Ain't Havanna" von Spectors Arbeitsweise domestiziert, so dass die Unmittelbarkeit, die "Beat On The Brat" oder "Blitzkrieg Bop" so eindrucksvoll machte, verloren geht. Deutlich wird dies an zwei Beispielen: "The Return Of Jackie & Judy" ist die Fortsetzungsgeschichte des vier Jahre alten Ramons-Klassikers "Judy Is A Punk" und kann trotz beeindruckender Drums nie an dessen hier und jetzt sein herankommen. Zu reinlich ist auch "Chinese Bombs", ein älterer, von Dee Dee Ramone gemeinsam mit Johnny Thunders geschriebener Song, den Johnny Thunders & The Heartbreakers in einer definitiven Version bereits veröffentlicht hatten, weil die Restramones die Ode an Heroin - sowohl Thunders als auch Dee Dee waren auf Smack - ursprünglich nicht spielen wollten. Die Spector/Ramones-Version erreicht nie die Rinnstein-zu-den-Sternen-Qualität der Johnny Thunders Version.

Danny says

Bei seiner Veröffentlichung wurde The End Of The Century damals zwiespältig aufgenommen, insbesondere in Punkkreisen war der sell-out-Vorwurf zwangsläufig nicht weit, übersah aber dabei die innere Logik einer Ramones/Spektor-Zusammenarbeit und dass der Grund für The End Of The Century eben nicht war, einen Pophit zu produzieren, sondern mit dem Mann zusammenzuarbeiten, der der ramonsche Haupteinfluß war.
The End Of The Century war auch für die Ramones das Ende einer Ära - niemals danach sollten sie wieder diese schwindelerregenden Höhen erklimmen, ihr unablässiges Weitermarschieren ließ sie über die Jahre wie Karikaturen ihrer selbst erscheinen, doch je mehr Jahre ins Land zogen umso größer wurde das Vermächtnis der Brooklynites. Als sich die Welt 2001 wieder darauf besann, den New York Sound der 70er als Referenz Nummer 1 heranzuziehen, hatten drei der vier Ramones leider kaum noch Zeit, die neuerliche Wertschätzung und Heldenverehrung zu geniessen. Joey ging als erster von uns, Dee Dee setze sich, wie schrecklich passend, eine Überdosis und auch Johnny verließ bereits 2004 diese Welt. Doch ihre ersten fünf - und eben nicht nur die ersten vier - Alben stehen für eine der eindrucksvollsten Serien an hintereinander veröffentlichten Glücksfällen auf Vinyl, wie es nur wenige in der Musikgeschichte gab.

Kommentare

08.10.2006
19.25 Uhr
Ich habs noch nicht gelesen, aber "Diamanten der Musikgeschichte (...) die unbeachtet wie ein Stück Kohle am wärmsten Sommertag des Jahres im Keller gelassen wurden" ist schon ein super Bild.
09.10.2006
01.15 Uhr
andererseits aber auch nur bei nichtgrillern. sonst hinkt es ein bisschen, ehem.
09.10.2006
07.41 Uhr
Christian! Muss ich dir jetzt deine eigenen Vergleiche erklären? Bei unbeachteter Kohle an warmen Sommertagen denke ich eigentlich zuerst an nichtnotwendiges Heizen oder nichtvorhandenes Bedürfnis danach, je nach dem.

Grillen, wie essentiell ist das denn bitte. (Und falls du mir jetzt mit Essen kommst: Das bisschen Ernährung..)
09.10.2006
07.42 Uhr
Zwischenüberschriften, schön, jetzt erst bemerkt. Dacht ich mirs doch gestern schon, dass da jemand mit der Gliederung gegeizt hat.

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