MEDIALES
Der Anspruch von Bond No. 21 wurde klar (doch paradox) kommuniziert: eine Neuerfindung, die zu den eigenen Wurzeln zurückkehrt.
Prinzipiell ist die Abkehr von der Overthetopness der letzten Jahre natürlich der richtige Weg, das Ziel einer Rückkehr zu den Connery Anfängen selbstredend wünschenswert. Doch ist bei der Erschaffung des neuen Bond ein - vielleicht zwangsläufiges – Problem entstanden: die andere Seite dieses bewussten über die normalen Maße hinaus zielenden Bond war auch die angenehm selbstironische Distanz, die 007 immer aus dem Actioneinerlei heraushub.
In Casino Royale gibt Daniel Craig einen eher tumben Schläger denn den Mann von Welt, der mit Raffinesse das Erdenrund vor Katzenstreichler rettet. An manchen Stellen mag dieser Bruch gut funktionieren, an anderen leider überhaupt nicht. Ein Bond, der Schmerzen kennt, ist menschlicher, aber eben auch ein Mensch gewordener Bond bewegt sich immer noch zu sehr im Terrain des Unrealistischen, so dass ein Augenzwinkern manchmal gut getan hätte.
Gerührt? Me, not. Eher geschüttelt.
Auf der Plusseite weist Casino Royale ein Bondgirl auf, das eine richtig gut geschriebene Rolle hat, die Eva Green auch tatsächlich auszufüllen vermag. Gerade für die Einführung ihrer Figur wurde ein brillanter Dialog geschrieben, ein Worte-Pingpong auf intellektuell hohem Niveau, der gleichzeitig überbordendes Selbstbewusstsein und die Tatsache zeigt, dass jenes eben doch nur Schutzschild verletzter Menschen ist. Doch eine Stunde später setzt der Pathosoverload ein: Liebesschwüre, deren Pathoslastigkeit nur noch von George Lucas übertroffen werden, wenn sich Anakin Skywalker ungelenk-tappsig wie ein Brillenbär auf Ü30-Party an seiner ersten Liebe versucht.
The Bond Supremacy
Unter dem Strich ist Casino Royale ein unterhaltsamer Film, das soll nicht bestritten werden. Doch den propagierten Anspruch kann er nicht erfüllen. Das anfangs erwähnte Paradoxum – eine Neuerfindung, die gleichsam eine Rückkehr zu den Wurzeln ist – findet sich auch im Film wieder. James Bond sitzt zwischen den Stühlen, ist nicht Fich, nicht Fleich (Mucheln?).
Problematischer ist noch, dass das Vorbild immer zu sehen ist. Casino Royale ist in Haltung und Willen nahezu vollständig an „Bourne Supremacy“ angelehnt, ohne aber in dessen Konsequenz weiterzugehen und wirklich zu entmystifizieren. Es wird zwar das klassische Bondklischee entmystifiziert, aber dafür sofort ein neues, nicht unbedingt besseres Klischee installiert. Vielleicht liegt es auch schlicht und einfach am handwerklichen Können: Regisseur Martin Campbell, selbst ein Veteran des Bondfilms, der vor 11 Jahren mit „Goldeneye“ ja gerade die absurde Overthetopness im neuen Bondzeitalter einläutete, soll diesen Bond auf die Erde zurückbringen. Mag sein, dass man hier den Bond zum Gärtner gemacht hat oder dass der biedere Auftragsfilmer Campbell nicht die Vision eines Paul Greengrass besitzt. Der „Bourne Supremacy“ Regisseur hat davor („Bloody Sunday“) wie danach („Flug 93“) bewiesen, welch Wille zur Kompromisslosigkeit in ihm steckt – genau die setzt er bei „Bourne Supremcy“ ein und erfindet damit ein Genre neu, wohingegen Campbell die Neuerfindung der Franchisereihe nicht zu Ende bringt. Kein Grund seine Eier im Martini zu schaukeln.
Yippee-ki-yay, motherfucker.
Als Gegenbeispiel einer gelungenen Entmystifizierung muss man die 80er-Jahre-Actionfilme nennen: es regelten Stallone und Schwarzenegger die Welt. Figuren, die so OTT waren, dass der John McClane Charakter von Bruce Willis aus Stirb Langsam tatsächlich einen andere, neue Figur in die Filmwelt gesetzt hatte. Man kann sogar den exakten Punkt der Entmystifizierung und damit der Wiedergeburt des Actionkinos benennen: der Moment, in dem John McClane Schmerz verspürte und leidet, weil er Glassplitter im Fuß hatte.
Diesem Bond fehlen die Glassplitter im Fuß, obwohl er unablässig so tut, als hätte er eine halbe Glastür in der Sohle stecken.
James Bond - Casino Royale
24.11.2006 | 3 Kommentare | Christian_alternakid
Der neue Bond also. Nicht ein neuer Bond, sondern DER neue Bond.
Prinzipiell ist die Abkehr von der Overthetopness der letzten Jahre natürlich der richtige Weg, das Ziel einer Rückkehr zu den Connery Anfängen selbstredend wünschenswert. Doch ist bei der Erschaffung des neuen Bond ein - vielleicht zwangsläufiges – Problem entstanden: die andere Seite dieses bewussten über die normalen Maße hinaus zielenden Bond war auch die angenehm selbstironische Distanz, die 007 immer aus dem Actioneinerlei heraushub.
In Casino Royale gibt Daniel Craig einen eher tumben Schläger denn den Mann von Welt, der mit Raffinesse das Erdenrund vor Katzenstreichler rettet. An manchen Stellen mag dieser Bruch gut funktionieren, an anderen leider überhaupt nicht. Ein Bond, der Schmerzen kennt, ist menschlicher, aber eben auch ein Mensch gewordener Bond bewegt sich immer noch zu sehr im Terrain des Unrealistischen, so dass ein Augenzwinkern manchmal gut getan hätte.
Gerührt? Me, not. Eher geschüttelt.
Auf der Plusseite weist Casino Royale ein Bondgirl auf, das eine richtig gut geschriebene Rolle hat, die Eva Green auch tatsächlich auszufüllen vermag. Gerade für die Einführung ihrer Figur wurde ein brillanter Dialog geschrieben, ein Worte-Pingpong auf intellektuell hohem Niveau, der gleichzeitig überbordendes Selbstbewusstsein und die Tatsache zeigt, dass jenes eben doch nur Schutzschild verletzter Menschen ist. Doch eine Stunde später setzt der Pathosoverload ein: Liebesschwüre, deren Pathoslastigkeit nur noch von George Lucas übertroffen werden, wenn sich Anakin Skywalker ungelenk-tappsig wie ein Brillenbär auf Ü30-Party an seiner ersten Liebe versucht.
The Bond Supremacy
Unter dem Strich ist Casino Royale ein unterhaltsamer Film, das soll nicht bestritten werden. Doch den propagierten Anspruch kann er nicht erfüllen. Das anfangs erwähnte Paradoxum – eine Neuerfindung, die gleichsam eine Rückkehr zu den Wurzeln ist – findet sich auch im Film wieder. James Bond sitzt zwischen den Stühlen, ist nicht Fich, nicht Fleich (Mucheln?).
Problematischer ist noch, dass das Vorbild immer zu sehen ist. Casino Royale ist in Haltung und Willen nahezu vollständig an „Bourne Supremacy“ angelehnt, ohne aber in dessen Konsequenz weiterzugehen und wirklich zu entmystifizieren. Es wird zwar das klassische Bondklischee entmystifiziert, aber dafür sofort ein neues, nicht unbedingt besseres Klischee installiert. Vielleicht liegt es auch schlicht und einfach am handwerklichen Können: Regisseur Martin Campbell, selbst ein Veteran des Bondfilms, der vor 11 Jahren mit „Goldeneye“ ja gerade die absurde Overthetopness im neuen Bondzeitalter einläutete, soll diesen Bond auf die Erde zurückbringen. Mag sein, dass man hier den Bond zum Gärtner gemacht hat oder dass der biedere Auftragsfilmer Campbell nicht die Vision eines Paul Greengrass besitzt. Der „Bourne Supremacy“ Regisseur hat davor („Bloody Sunday“) wie danach („Flug 93“) bewiesen, welch Wille zur Kompromisslosigkeit in ihm steckt – genau die setzt er bei „Bourne Supremcy“ ein und erfindet damit ein Genre neu, wohingegen Campbell die Neuerfindung der Franchisereihe nicht zu Ende bringt. Kein Grund seine Eier im Martini zu schaukeln.
Yippee-ki-yay, motherfucker.
Als Gegenbeispiel einer gelungenen Entmystifizierung muss man die 80er-Jahre-Actionfilme nennen: es regelten Stallone und Schwarzenegger die Welt. Figuren, die so OTT waren, dass der John McClane Charakter von Bruce Willis aus Stirb Langsam tatsächlich einen andere, neue Figur in die Filmwelt gesetzt hatte. Man kann sogar den exakten Punkt der Entmystifizierung und damit der Wiedergeburt des Actionkinos benennen: der Moment, in dem John McClane Schmerz verspürte und leidet, weil er Glassplitter im Fuß hatte.
Diesem Bond fehlen die Glassplitter im Fuß, obwohl er unablässig so tut, als hätte er eine halbe Glastür in der Sohle stecken.
Bewertungen
Kommentare
27.11.2006
22.36 Uhr
22.36 Uhr
aber: wer hat denn ernsthaft einen Wirklich Guten Filmtm erwartet?
ich war beglückt, dass ein bondfilm tatsächlich so etwas wie spannung und szenen wie das nachmordendliche duschen zu bieten hatte. dass wir einen (nicht: tumben, sondern) zynisch-animalischen bond wie zu besten connery-zeiten serviert bekommen. und das overthetopmäßige augenzwinkern wurde mir bestens ersetzt durch den (bald sprichwörtlichen, mark my words) rühr-und-schüttel-kommentar und das wichtigste andere bond-zitat: gefahr für die eier droht nicht von der technik und wird nie realisiert, sondern von hand und ego und entfaltet auf die primitivste art und weise volle wirkung. aua.
natürlich scheitert der film am ende an seiner klischeehaftigkeit, seiner überpsychologisierung und dem allgegenwärtigen erklärungswahn des mainstream. aber ich hätte nicht gedacht, dass er's soweit schafft.
ich war beglückt, dass ein bondfilm tatsächlich so etwas wie spannung und szenen wie das nachmordendliche duschen zu bieten hatte. dass wir einen (nicht: tumben, sondern) zynisch-animalischen bond wie zu besten connery-zeiten serviert bekommen. und das overthetopmäßige augenzwinkern wurde mir bestens ersetzt durch den (bald sprichwörtlichen, mark my words) rühr-und-schüttel-kommentar und das wichtigste andere bond-zitat: gefahr für die eier droht nicht von der technik und wird nie realisiert, sondern von hand und ego und entfaltet auf die primitivste art und weise volle wirkung. aua.
natürlich scheitert der film am ende an seiner klischeehaftigkeit, seiner überpsychologisierung und dem allgegenwärtigen erklärungswahn des mainstream. aber ich hätte nicht gedacht, dass er's soweit schafft.
07.09.2007
13.06 Uhr
13.06 Uhr
ein halbes jahr später und das Bourne Ultimatum vor der haustür: was denkt die Jugend nun über den letzten Bond?
ich bleibe im großen und ganzen bei obigem Teilverriss, wobei sich die Gnade der verstrichenen Zeit über die Bondunzulänglichkeiten legt und ich Casino Royale als "schon irgendwie gut" in Erinnerung behalten habe. wenn nur die pathetischen liebesschwüre nicht wären!
ich bleibe im großen und ganzen bei obigem Teilverriss, wobei sich die Gnade der verstrichenen Zeit über die Bondunzulänglichkeiten legt und ich Casino Royale als "schon irgendwie gut" in Erinnerung behalten habe. wenn nur die pathetischen liebesschwüre nicht wären!
07.09.2007
13.59 Uhr
13.59 Uhr
das kino ist so diversifiziert, dass man hier ja gar nicht mehr richtig in gut oder schlecht einteilen kann. casino royale ist ein guter film im rahmen der möglichkeiten des dumme leute kinos, in dem nun mal neuartige und bald im handel erhältliche gadgets minutenlang in die kamera gehalten werden, während sich ein mädchen, das man eigentlich nur aus dem boulevardmagazinfernsehen kennt, die hose auszieht. wer das akzepiert, wird casino royale lieben können. alle anderen müssen im zwiespalt entscheiden.
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