Benutzername:


Passwort:




Du hast Dein Passwort vergessen?
MEDIALES

Der Bär tanzt.

Straight Outta Da Hauptstadt: Euer Mann auf der Berlinale erzählt...
Der Versuch, ein Filmfestival trotz Arbeitswoche möglichst ausgiebig mitzunehmen, wird von der Berlinale-Leitung offensichtlich nicht allzu heftig unterstützt. Die Kartenpolitik ruft doch einiges Kopfschütteln hervor: exakt eine offizielle Vorverkaufsstelle in ganz Berlin, die jeden Tag um 10.00h ihre Pforten öffnet. Man kann sich natürlich ausmalen, dass Rentner, Studenten und anderes Gesindel die einzigen sind, die bereits ab 8 Uhr früh vor dem Kartenschalter campieren können um sich all die guten Veranstaltungen unter den Nagel zu reißen. An allen anderen Kartenstellen heißt es erstmal läppische 25 % Aufpreis als Vorverkaufsgebühr bezahlen, der Internetverkauf ist streng limitiert, kostet auch 2 € extra (für was nochmal?), geht ausschließlich mit Kreditkarte und klugerweise besteht die einzige Möglichkeit, an die im Internet bestellten Karten heranzukommen, indem man sie an der einzigen offiziellen Kartenvorverkaufsstelle Berlins abholt und sich dort in eine genauso lange Schlange stellt, als wenn man sich die Karten "frisch" kaufen würde. Ahja, danke noch mal, dass man sich auch Gedanken gemacht hat, WIE man das Medium Internet sinnvoll einsetzen könnte.

Aber gut, nachdem man die Premieren der Wettbewerbsfilme somit kaum besuchen kann, macht man eben den Indie-Move: auf geht’s in die Filme des Panorama-Programms und in die Wiederholungen der Wettbewerbsfilme. Genug Perlen gilt es zu entdecken:

- Man To Man (UK/F, Regis Wargnier, Wettbewerbsfilm, d.h. nominiert für den Goldenen Bären): eine eher unglückliche Wahl für den Berlinale-Eröffnungsfilm. Wahrlich keine Filmkunst und nichts, das man nicht schon 100mal besser gesehen hätte, ist diese Geschichte um zwei afrikanische Pygmäen, die im Dienste der Wissenschaft nach Schottland gebracht werden, um zu beweisen, dass der Neger an sich und der Pygmäe im besonderen das missing link zwischen Mensch und Affe ist. Natürlich fällt Hauptdarsteller Joseph Fiennes nach einiger Pygmäentätschelzeit auf, dass diese kleinen Kerle doch tatsächlich – potzderblitz! - so etwas wie a) Hirn und b) Herz haben und deswegen vielleicht sogar richtige Menschen sein könnten. Ergo: Mr Fiennes zeigt mit dem einen Gesichtsausdruck, der ihm zur Verfügung steht, nach besten Kräften Einfühlvermögen, Verständnis und Besorgnis. Eine Bildersprache nach dem Motto „sind wir westliche Intelligenzien nicht die eigentlich Wilden“ und geschlagene 122 Minuten später weiß man, dass man diese Grundprämisse bei David Lynchs humanistischen Masterpiece „Der Elefantenmensch“ schon so viel besser gesehen hat, ist aber dem Film auch nicht wirklich böse, weil er es ja „gut meint“, wie er nicht müde wird, dem Zuschauer andauernd in dessen ja aufnahmebereiten Schädel zu hämmern. Subtitlität geht anders, baby. Unterer Durchschnitt.
In einem Satz: Der Film für Lachleute & Nettmenschen über 40.

- The Dying Gaul (US, Craig Lucas): könnte eigentlich wirklich gut sein, wenn er sich denn entscheiden würde, ob er Hollywood-Satire (der köstliche Anfang), Drama (die Mitte) oder Thriller (das Ende) sein möchte. So ist The Dying Gaul leider weder wirklich amüsant, noch spannend und auch die Shakespearsche Tragik, die in dieser Geschichte steckt, kommt nur verhalten zum Ausdruck. Erstaunt lauscht man aber dem Regisseur Craig Lucas nach dem Film über dessen politische Ambitionen, dessen Bush-Bashing (oder „the monkey“ wie Craig Lucas sagen würde) einem Mr Moore zur Ehre gereichen würde und seinem Versuch, den Homosexuellen anders als üblich in der Filmgeschichte darzustellen und muss ihm in allem im Rückblick recht geben. Der selten Fall eines Films, der besser wird, in dem der Regisseur ihn erklärt. So: leidlich unterhaltsam war er ja sowieso, Props gibt es für die Ideen und das Anliegen und die für die USA sicher gewagte Idee, mit Homo- und Bisexualität in dieser Weise umzugehen und dabei auch das Heiligtum Familie nicht unbeschadet zu lassen, ohne dabei jedoch im Prinzip irgendjemand gut wegkommen zu lassen. Geschossen wird am Ende doch nach allen Seiten, dünkt mir. Die erhobenen Zeigefinger darf man dann getrost bei Man To Man lassen.
In einem Satz: drei Filme zum Preis von einen, keiner davon allerdings wäre allein sein Geld wert.

- Thumbsucker (US, Mike Mills): Der Film für die Indiecrowd. Elliott Smith & Polyphonic Spree stellen den Soundtrack eines herausragend besetzten (Tilda Swindon, Vince Vaughn, Benjamin Bratt, Keanu Reeves und der für diese Rolle auf dem Sundancefilmfestival mit dem Hauptdarstellerpreis ausgezeichnete Lou Taylor Pucci) amerikanischen Indie-Movies. Die Geschichte des Außenseiters, der seine Nichtzugehörigkeit durch Daumenlutschen kompensiert, wird mit der notwendigen Aufrichtigkeit angegangen. Dabei behält der Film immer seine Leichtfüßigkeit, droht nie in dröges Problemkino abzurutschen, sondern hält immer den nächsten Oneliner bereit. Ein gutes Drehbuch, eine hervorragende Besetzung, ein sehr schöner Soundtrack sowie eine makellose Regie machen Thumbsucker zu einem Film, bei dessen Rezeption einem schon klar wird: hiervon wird einem noch oft erzählt werden. Top.
In einem Satz: ein entmystifizierter, all seiner David Lynch Spuren beraubter Donnie Darko, dessen coming-of-age als Komödie neu aufgelegt wird.

- Dumplings (HK, Fruit Chan): Some boundaries pushing auf der Berlinale. Die Story dazu geht ungefähr so: um sich jung zu halten, jünger auszusehen, isst eine reiche Frau früh abgetriebene Foeti. Als die Verjüngungsfortschritte eher in Monaten, denn in Jahren sichtbar werden, wird ihr geraten, einen 5 Monate alten Foetus zu essen. Gesagt, getan, denkt sich der gemeine Chinese. Als erste Folge bekommen wir eine Abtreibung in real time bei einem 15jährigen Mädchen (der Kindesvater ist ihr eigener Vater) sowie die Verarbeitung des so gewonnen Foetus zu einem feinen Mittagstisch zu sehen. Pünktlich zum foetus chopping gibt es dann auch die erste Zuschauerreaktion neben walkouts: einer frau wird so schlecht, dass sie aus dem Kino herausgetragen (!) wird. Habe ich so auch noch nicht erlebt.
Jetzt muss man auch noch wissen, dass der Film gar nicht trashig, sondern im Gegenteil schön & ruhig gefilmt ist (auch kein wunder: Kamera führte ja Christopher Doyle, seines Zeichens Wong Kar Wai Kameramann z.b. bei 2046 & In The Mood For Love, die ja zu den am schönsten gefilmten pictures der letzten Jahre gehören). alle drei, also Fruit Chan, Bai Ling (Hauptdarstellerin) und Christopher Doyle waren im übrigen auch anwesend und kurz auf der Bühne. Klugerweise aber vor dem film – ich kann mir schon vorstellen, warum sie kein Q&A über sich ergehen lassen wollten. Etwas ratlos verlässt man das Kino trotzdem, da man nicht weiß, was das denn jetzt bitte war. eine Farce? eine Satire? ein Drama? Horror? Aber irgendwie doch gut, seltsamerweise. Auch die Publikumsreaktionen waren eigen: von lachen über Applaus bis zu Kopfschütteln. Empfehlenswert, starker Magen aber Voraussetzung.
In einem Satz: the unlikely son of Takashi Miike and Wong Kar Wai.


In Teil 2 unter anderem: Der Tomte/Kettcar/Hansen-Film “Keine Lieder Über Liebe”, irische Junkies und die Verschwende Deine Jugend – Dokumentation.

Bewertungen

0 Bewertungen

Um eine Bewertung abzugeben, musst Du ein eingeschaltenes Mitglied der Motorjugend sein.

Kommentare

11.03.2005
03.17 Uhr
Was is denn nun mit dem 2ten teil?
Interesse liegt vor allem bei den genannten filmen. kommen die dann auch mal irgendwann in spezielle auslesekinoprogramme oder als VHS/DVD raus?
11.03.2005
09.05 Uhr
ok ok. die fucking lazyness hat mal wieder bei mir um sich gegriffen. kommt noch...


Als Mitglied der motorjugend mit dem Rang Blicker oder mehr kannst Du an dieser Stelle einen Kommentar zu dieser Text abgeben und andere Kommentare kommentieren.


Andere Artikel