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MEDIALES

Der Bär tanzt. Auch 2006.

Die Berlinale öffnet wieder Ihre Pforten. Rein, rein, bevor es keine Karten mehr gibt…
Nach den schlechten Erfahrungen mit der Ticketorganisation letztes Jahr, profitiere ich nun von meinem Freund, dem Konzertkartenkassenbesitzer. Da wird mal schnell aus der Arbeit in seinem Kabuff angerufen und fernmündlich die Karte gekauft und in der Mittagspause abgeholt oder am Abend zuvor ein Zettel mit den wichtigsten Terminen des nächsten Tages übergeben, mit der Bitte aber auch pünktlich um 10 Uhr den Computer anzuwerfen. Dafür zahlt man dann dekadenterweise tatsächlich 2 Euro VVK-Gebühr Aufpreis…

Brothers Of Head (UK, Keith Fulton / Louis Pepe)

Ja, kann man mal machen, oder? Das Berlinale-Panorama (nach dem „Wettbewerb“ die zweitwichtigste Filmreihe) mit einem Punkfilm eröffnen, der der wohlsituierten Berliner Zuschauerschaft mit 40+ Durchschnittsalter - cineastisch – ins Gesicht spuckt. Spit & drool, fürwahr. Die Story kommentiert die Freakishness der Punkexplosion und zieht Parallelen mit den Sex Pistols, nur dass „der“ Sänger der Brothers Of Head - Punkband kein Meningitis geplagter Nihilist, sondern aggressiv-leidende Siamesische Zwillinge sind, die ein Manager auf die Bühnen Londons schickt um per Schauwert die Show zu retten.
Das klingt trashiger als es ist und wird tatsächlich einem künstlerischen Anspruch durchweg gerecht. Hervorragend wird musikalisch der Punk der Class Of 1976 aufgenommen (nur Originalsongs, keine Cover!) und schauspielerisch ist zum Teil ganz große Klasse zu konstatieren.
Kann man von einem 50jährigen, graumelierten Berlinale-Confrencier einen schöneren Satz nach einem Film hören als „this movie was wonderful – it makes me wanna pogo!“? Nein, außer er antwortet auf die Bitte des Regisseurs bei der abschließenden Fragerunde, ob denn das Licht etwas mehr angedreht werden könnte, lapidar: „No, I don’t think so. But maybe we could turn on the Putzlicht“.

In einem Satz: Johnny Rotten als siamesischer Zwilling fickt auf das System und dafür die Girls.


Big Bang Love, Juvenile A (JP, Takashi Miike)

Das Enfant Terrible des asiatischen Kinos (was ja wiederum das Enfant Terrible des Weltkinos ist) wahrhaftig und alive auf der Berlinale Bühne. Sehr beeindruckend der Mann an sich, dessen Gewaltorgien (Ichi – Der Killer, Audition) immer aufs neue verstören und der doch wie kaum ein anderer Regisseur sich jeder Einordnung entzieht. Hast du einen Miike-Film gesehen, hast du keinen gesehen: jeder ist ein eigenes Universum. Mainstream, Avantgarde, Trash, Art – man hat keine Ahnung worauf man sich einlässt.
Zur Berlinale bringt er eine Höchstdosis Avantgarde mit: ein stilistisch brillanter, kühler, fantastisch designter Fiebertraum um Gefangenschaft, Homoerotik, Körperbeherrschung, Geistesversagen, Rache und Selbsthass in einer reinen Männergesellschaft. Lakonisch beantwortet der Meister selbst dann auch die abschließende Frage des Feminismus e.V., warum denn keine einzige Frau im Film auftauche: „wenn Frauen in meinen Filmen mitspielen, dann werden sie zumeist gequält und ich dafür geschimpft. Da dachte ich mir nun: gut, mach’ ich mal ’nen film ohne Frauen, dann kann ich auch keine quälen“.

In einem Satz: Lynch & Fassbinder gleichzeitig auf der Bühne des Lebens


Glastonbury (UK, Julien Temple)

Wenn der Regisseur der besten Musikdoku aller Zeiten („The Filth And The Fury“) einen Film über das legendärste Festival ever dreht, erwartet man Großes – und freut sich wenn ein in einen Pelzmantel gekleideter Julien Temple im Schweinsgalopp durch die Jahrzehnte und Jugendkulturen in 135 wirren Minuten dreieinhalb Jahrzehnte Festival in Reduktion auf die Leinwand bringt.

Temple verzichtet auf Chronologie, Band-Einblendungen, Off-Kommentare und wirft uns mitten nach Glastobury hinein. Folge davon ist ein Film, der tatsächlich ein Festivalerlebnis spiegelt: völlig überdreht, bis zum Anschlag reizüberflutet, von einer Bühne zur nächsten wankend sitzen wir in unseren Sesseln und delektieren eine großartige Performance nach der anderen: blur (erstaunliche Wahl: Day Upon Day), Stereo MCs, Prodigy, Chemical Brothers, Orbital, Dr John, World- und Reggaemusik, Joe Strummer, The Bravery (nackt), Radiohead, Ray Davies, Björk, The Levellers, Colplay, Primal Scream, die ’Shambles… und als Höhepunkt jener legendäre Auftritt von Pulp 1995 mit „Common People“, den Jarvis Cocker als „pinnacle of my life“ bezeichnete.

Weder macht Temple den Fehler, sich auf typisch britische Bands zu beschränken, sondern spiegelt das enorm breite Glastonbury-Spektrum wider, noch vernachlässigt er zu Gunsten der Bands das Publikum – beide erhalten gleichen Rang. Wunderbar ist dabei wie Julien Temple Szenen per Songauswahl und Schnitt subtil kommentiert. So wird nach der Entscheidung, Glastonbury einzuzäunen und Sicherheitsmaßnahmen straight outta Guantananmo einzuführen und damit die ursprüngliche Offenheit des Glastonburysystems zu opfern, Joe Strummer mit "Straight To Hell" eingespielt und - noch prägnanter - zwischen eine Begleitung der Festival Security Primal Screams Auftritt mit "Swastika Eyes" geschnitten.

Wie bereits in der Sex Pistols Doku führt Temple dem musikalischen Ereignis eine Bedeutung bei, die ein gewöhnlicher Filmemacher sich nicht trauen würde, indem er Hoch- und Populärkultur sich gegenseitig kommentieren lässt. War in The Filth And The Fury Einblendungen von Shakespeares Richard III zur Erklärung des Charakters Johnny Rottens verwendet worden, so beginnt und endet „Glastonbury“ mit dem zentralen Poem Britanniens, William Blakes „And did those feet in ancient times…“ (landläufig als „Jerusalem“ bekannt).

Wie es sich für einen Altpunk mit Pelzmantel gehört, lässt man sich von einem Zuschauer, der das ganze lieber etwas deutscher, chronologischer und geordneter gehabt hätte, die Stimmung nicht vermiesen: Zuschauerin "Ich finde ihren Film unlogisch geschnitten und zu wirr" - Temple: "Very good point. Ich finde es super, wenn die Hälfte der Zuschauer meinen Film nicht kapiert."

Dem immergutgänger und RIPfürRIP-Schreier in uns gefällt jedoch am besten Temples Antwort auf die Frage, warum er denn über Glastonbury einen Film drehe und nicht über eines der vielen anderen:
"any other one is just a corporate beer fest“.
Recht hat er, der Mann.

Zwei Zusatzinformationen:
- sehr interessant dürfte die DVD werden, bei der man vor Start des Films auswählen kann, welche Gig-Ausschnitte gezeigt werden sollen – sich also sein persönliches Line-Up zusammenstellen kann, während die Auftrittsunabhängigen Elemente des Films so bestehen bleiben.
- Julien Temples nächstes Projekt: eine Dokumentation über seinen Freund Joe Strummer. woohoo!

In einem Satz:
Bring me my bow of burning gold!
Bring me my arrows of desire!
Bring me my spear! O clouds, unfold!
Bring me my chariot of fire!
I will not cease from mental fight
Nor shall my sword sleep in my hand
Till we have built Jerusalem
In England's green and pleasant land

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