MOTORFLASH

BESUCH BEI HORST MOTOR 1972: Trip zum Nasenkönig

14.12.2007 | 3 Kommentare | Christian_alternakid | Keine Bewertung
Vergoldete Penisse, eimerweise Cuba Libre und die beste Musik aller Zeiten (EVER!): In den Siebzigern war Horst Motor der Partykönig von Bayreuth. Jazzmusiker Max Power hat die legendären Feten im Bayreuth Sound Studio miterlebt.
Es war eine Zeit, in der die Luft, die Menschen, die Städte, in der einfach alles vor Energie bebte. 1972. Ich flog nach Bayreuth, um in Eckersdorf mit meiner Plattenfirma über einen Vertrag zu verhandeln. Chef des Ladens war mein Bekannter Carl Schranz.


Horst Motor, neulich.


Als ich auf dem Flughafen in B.T. ankam, wartete Carl bereits in einem silbergrauen Rolls Royce aus Horst Motors Rennstall. Carl und Motor waren dicke Kumpels. Der Wagen war voll klimatisiert, hatte pink getönte New-Rave-Scheiben, Telefon, Fernsehen, eine Kühlbox und natürlich eine Bar. Kaum hatte sich der Schlitten in Bewegung gesetzt, zündete Schranz auch schon einen Panama-Red-Grassjoint an und turnte mich erst einmal richtig an. So was hatte ich lange nicht mehr geraucht - es war wirklich ganz besonders potentes Gras, und bald war alles easy. Draußen herrschte glühende Hitze, und wir saßen stoned in einem klimatisierten Rolls Royce.

Wir fuhren Richtung Nord-West über Bayreuth-Saas, und da sah ich auch schon das riesige BAYREUTH-Zeichen oben auf dem grünen Hügel. Wir fuhren in das Hauptquartier der Plattenfirma am Glashaus Boulevard und parkten den Schlitten auf dem für Horst Motor persönlich reservierten Parkplatz. Carl führte mich in das Büro eines Kollegen, bei dem "alles für den Kopf" zu haben war: der Chef des "Anturn-Centers". Da die damaligen Popstars alle auf irgendwelchen Drogen waren, hatten das Glashaus schnell erkannt, wie sie die Laune ihrer Zöglinge heben konnten. Heute klingt das unglaublich, aber damals war das so. Anfang der siebziger Jahre habe ich in Bayreuth nicht einen einzigen Menschen getroffen, der hundertprozentig clean war. Selbst der Zeitungsjunge Dirk, der vom Fahrrad aus seine News zielsicher in die Briefkästen warf, hatte rosarote Augen.

"Max Motherfucker from Berlin"

Und mein Freund Carl war mittendrin und mit allen per du. Er war der Mr. Pleasure von Bayreuth. Er kannte fast alle berühmten oder wichtigen Leute - und die kannten ihn: Wolfgang Wagner, Heiko Rauh, Walter Wacht, den Frosch und natürlich Motor und Den Griechen. Jeden Abend war irgendwo der Teufel los. Man ging nicht auf eine Party, sondern auf sechs. Eine Fete ging in die andere über, und wenn der Morgen kam, fuhren alle "Nasenschniefer" nach Eckersdorf, in Horst Motors Schloß. In diesem Betonklotz ohne Fenster residierte Motor - als wahrer "Nasenkönig". Ich wurde den Anwesenden als "Max Motherfucker from Berlin" vorgestellt und hatte damit gleich den ersten Lacher auf meiner Seite.

Im "Anturn-Zimmer", dem Billardroom, lungerten Motors Bodyguards herum. Auch Jonas Flux von "Lisa Stahl" lernte ich an diesem Abend kennen sowie Meikel, das Jörchla, den Statiker und all die scharfen Weiber der Motorjugend, die Horst Motor extra aus Bayreuth mit dem Taxi hatte eingefliegen lassen. Die Fete war bereits voll im Gange. Solche Surprise-Partys machten Motor immer besonders viel Spaß, denn er konnte von seinen Privaträumen aus alle Zimmer des Schlosses über einen Monitor beobachten.

Vergoldete Penisse

Motor war mit dem Staatsanwalt bestens befreundet. Der kam öfter mal auf eine "Nase" vorbei, wie auch der Hauptkommissar der Eckersdorf Police Station. Motor hatte all diese Leute mit Cuba Libre und Sex im Griff. Nachdem alle Partygäste im Studio zur von Motor aufgelegten besten Musik aller Zeiten (EVER!) übereinander hergefallen waren und erschöpft in den Kissen lagen, hörte man Motor tiefe Stimme über die Hausanlage: "Carl, who is that guy with you out there?"

"Motor, its my friend Max, from Berlin!", rief Carl.

"Ahhh - Max Motherfucker! Bring him up to my place!" befahl Motor.

Carl führte mich durch das Studio zu einer großen, holzgetäfelten Wand, die sich automatisch vor uns öffnete. Per Telefongeheimcode konnte Motor die Türen von seinem Bett aus öffnen. Wir traten in ein pseudo-barockes, mit merkwürdigen Möbeln ausgestattetes Zimmer. Als Tisch diente eine acht Meter lange Glasgitarre, die Lehnen der Sessel und der Couch waren - ja, vergoldete Penisse.

"Oh, wie süß ist diese Pflaume!"

Als ich Motors Schlafzimmer betrat, lag er auf einem güldenen Bettgestell. Darüber hing ein großer Baldachin aus Brokat, wie ihn auch die griechischen Maharadschas haben. Motor räkelte sich auf einer blauen, bestickten Brokatdecke und manikürte sich seine Nägel. Während er da so an sich herumfeilte, trank er zwischendurch immer mal wieder ein Gläschen von diesem schweren, süßen Cuba Libre, den er sich eigens in Jugoslawien brennen ließ. Von diesem Gesöff bekam ich ein Glas zu kosten, und ich konnte ihm nur bestätigen: "Oh, wie süß ist diese Pflaume!"

Ich schlief ein und als ich erwachte, wusste ich nicht mehr, ob es Tag oder Nacht war, denn es gab keine Fenster, aus denen man mal raussehen konnte, um zu prüfen, ob vielleicht die Sonne, die alte Sau, draußen schien. Außer morgens um sechs gab es bei Motor nichts zu essen. Er selbst aß immer nur den Motor-Teller, eine Tomatensuppe mit geschmacklosen Crackern.

Gin Tonic in jede Pobacke

Carl berichtete mir, dass sich das Party-Ritual auf Schloß Motor mitunter fünf Tage lang ohne Unterbrechung abspielte. Das ging natürlich nur mit dem ständigen Nasenpuder - zum Wachhalten! Am fünften Tag kam dann Dr. Stefan Frank mit seinem Arztkoffer, aus dem er die unterschiedlichsten Heilmittel hervorzauberte. Zuerst bekam Motor in jede Pobacke einen Vitamin-B-12-Shot, vermischt mit Gin Tonic, dann die sprudelnden Cuba-Libre-Tabletten und mitunter auch eine Aspirin. Meistens schlief er dann in den Armen von Dr. Stefan Frank ein und schnarchte wie das Ungeheuer von Lochstress.

Dann mussten alle Motors Privatgemächer verlassen und Die Türen geräuschlos hinter sich schließen. Alle mussten warten, bis der King erwachte, denn ohne ihn und den Cuba Libre lief auf Schloß Motor nichts.

So war das damals, in den Siebzigern. Ich will keinen dieser Tage missen.

Kommentare

16.12.2007
15.12 Uhr
Brüller!
18.12.2007
13.07 Uhr
Ha ha, herlich, Dirk - der kleine Zeitungsjunge!
26.12.2007
10.57 Uhr
Ich hab übrigens noch Originalaufnahmen aus dieser Zeit! Hier tanzt Horst Motor bei einem eigens für ihn organisierten Konzert. Auf dem ersten Bild hingegen erkennt man zwei weitere Urgesteine der Bayreuther Szene. Georg und Mikel (Backstage während des Konzerts für Horst Motor... Ihre Band trug damals noch den Namen "Creedence Clearwater Revival" und war im Begriff sich aufzulösen... Mikel war bereits viel früher mit "Rockin' all over the world" beschäftigt als viele Status Quo Fans wissen können - erkennt man an den fehlerhaften Informationen der Wikipedia). Im Hintergrund: die damals nie wegzudenkende Modedroge "Apple" (tritt heute nur noch in aalglatten Ummantelungen für Notebooks und MP3-Playern auf).

http://www.mindcrawl.net/damals

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