THE FRAGILE STAGE

Arrivals/Departure

14.02.2008 | 8 Kommentare | Sieperteisen | Keine Bewertung
Florian Siepert versucht, einen Literaturwettbewerb der Firma Germanwings zu gewinnen. Und scheitert grandios. Gürkchen kommen nicht vor.
Wir beide, wir haben doch einiges gemeinsam. Als meine Eltern 1969 nach Hennef gezogen sind, war der Flughafen noch eine ganz kleine Angelegenheit. Ich war gerade drei Jahre alt und ich wusste weder etwas über Flugverkehr noch über andere Dinge, wahrscheinlich hatte ich gerade herausgefunden, dass Sand nicht so gut schmeckt, wie man in diesem Alter so denkt. Mein Sohn ist jetzt auch drei Jahre alt und wahrscheinlich beschäftigt er sich auch mit solchen Fragen, aber man sagt das immer so schön: Nach der Trennung will ich immer noch für meinen Sohn da sein. Und dann zieht der Sohn mitsamt der Frau, die sie mittlerweile für eine blöde Kuh halten, nach Göttingen, von hier aus fährt man mindestens dreieinhalb Stunden, rechnen sie sich mal aus, wie oft ich dazu Zeit habe. Oder Lust. Haben sie auch Kinder? Ehrlich gesagt, sehen sie dafür noch ein bisschen jung aus, aber bei euch weiß man das ja nie.

Als ich sechs Jahre alt wurde, habe ich zum ersten Mal die vielen Kondensstreifen gesehen, die sich an klaren Morgen aus dem Westerwald kommend über unserem Haus zu bündeln begannen und dann hinter Troisdorf zusammenflossen, auf einen Punkt stießen. Das ist der Flughafen Köln Bonn. Ich war ja mehr so das Autokind, man konnte mich ganze Nachmittage an der Bundesstrasse stehen lassen. Als ganz Kleiner habe ich erstmal nur die Farben gezählt. Wenn es zum Beispiel mehr Blaue gab, dann musste ich rückwärts nach Hause laufen und wenn es mehr Rote waren, dann immer zwei Schritte vor und einen zurück. Wettbewerb, das liegt mir.

Später ging das dann schon mehr ins Detail. Typen vergleichen, auch mal bei einem parkenden Auto ins Seitenfenster sehen, wie weit der Tacho geht. Das heißt ja nicht unbedingt, dass der Wagen am schnellsten ist, aber ein gutes Indiz ist es auf jeden Fall. Ich erinnere mich noch genau, als beim Büdchen vorne am Bahnhof mal ein Porsche 911 gehalten hat. 260 km/h. Sonst hatten wir ja eher eine Ford Szene hier, wegen dem Werk, da war ein Porsche schon etwas Besonderes. Ich habe mich deswegen auch nie richtig für die Flugzeuge interessiert, weil man ja nie so genau sehen kann, was das jetzt für ein Typus ist und nur in Propeller und Jet oder groß und klein unterteilen, damit kann man ja einen Neunjährigen nicht auslasten.

Wissen sie, wann ich zum ersten Mal geflogen bin? Mit 17. Damals hat meine Mutter zwei Freiflüge gewonnen, bei der Tombola auf dem Stadtfest. Man konnte sich da innerhalb Europas was aussuchen, egal wohin. Meine Mutter wollte schon immer mal nach Venedig und dann sind wir eben nach Venedig geflogen. Ich hatte schon sehr gehofft, Hennef von oben zu sehen, wir waren ja gerade in die Neubausiedlung gezogen und ich hatte sogar einen Fotoapparat dabei. Aber dann sind wir in die andere Richtung gestartet. Wegen dem neuen Haus hatte mein Vater dann auch einen ziemlichen Aufstand gemacht, Urlaub war da erst einmal nicht drin, also sind wir am selben Abend wieder zurück geflogen, ich hab in der Zwischenzeit in Venedig am Flughafen gewartet, die Hektik von den Italienern und dann die ganzen Tauben, das kann ich auch auf der Domplatte haben, vielen Dank. Zurückgekommen sind wir dann natürlich, als es schon dunkel war, wieder kein Foto möglich. Meine erste Flugreise war eher enttäuschend, ähnlich wie jetzt bei ihnen, wenn ich den kleinen Scherz mal machen darf.

Nach der Lehre habe ich eine Zeit in Siegburg gearbeitet, bei Lorke, das war ein ziemlich großer Betrieb und in Sachen Metallverarbeitung im südlichen Rheinland führend. Der Lorke hat aber leider auf ein paar ganz falsche Pferde gesetzt und am Ende mussten sie die Hälfte der Belegschaft auf die Strasse setzen, als junger Geselle wäre ich natürlich in jedem Fall rausgeflogen, die anderen mit Kindern und so, da stellt man sich ganz hinten an. Ich war aber ein guter Schlosser, leistungsbezogen war das nicht, das können sie mir glauben. Wollen Sie mal raten, wo ich im Anschluss gelandet bin?
Beim Ford war auch gerade Abbau, wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf. Richtig, Flughafen Köln Bonn. Schlosser haben die damals nicht direkt gebraucht, aber Haustechniker eben, das kann ich ja auch, wenn es nicht so ins Detail geht. Mal nach der Klimaanlage sehen, oder Neonröhren ersetzen, wenn sie mal ein genaueres Bild brauchen. Wissen sie, wie viele Neonröhren da durchbrennen? Das ist wie bei Sysiphus: Kaum haben sie einen Karren montiert, kommt ihnen schon die nächste Fuhre mit kaputten entgegen. Wir haben da aber auch Spaß gehabt: Einmal haben die beim Zoll einen Wasserschaden gehabt und wir haben in der Asservatenkammer die Wand in Ordnung bringen müssen. Kalle aus meiner Truppe stöckelt dann auf einmal mit zwei Krokohandtäschchen los, wie einer vom anderen Ufer. Ich merk gerade, das kann man gar nicht so gut erzählen, da muss man schon dabei gewesen sein. Und die Krokodile kommen ja auch von euch da unten, vielleicht finden sie das jetzt auch gar nicht witzig, das sind ja wahrscheinlich so was wie heilige Tiere für sie.

Was ich jetzt noch gar nicht erzählt hatte, in der Zwischenzeit bin ich auch ausgezogen. Vom Geld her ging das ja prima, die haben ja sehr ordentlich gezahlt. Man muss das mal sagen, wenn man am Flughafen arbeitet, dann ist Hennef natürlich perfekt. Ich hab aber auch ein Riesenschwein gehabt, dass drei Häuser weiter was frei geworden ist, da hat die Oma in der Einliegerwohnung den Löffel abgegeben und ich hab natürlich sofort zugeschlagen. Meinem Vater ging es da schon nicht so gut und ich war dann immer schnell drüben und konnte ein bisschen was helfen, im Garten oder so, dafür hat meine Mutter dann auch das mit dem Kochen übernommen. Einen kaputten Herd kann ich dir reparieren, Mama, aber mit einem ganzen kann ich nichts anfangen, hab ich ihr immer gesagt. Der Herd ist dann zum Glück nie kaputt gegangen, ich bin ja auch kein Elektriker, aber Essen hat sie mir immer gerne gemacht.

Mit Ende zwanzig hat sich das dann alles verändert. Erstmal ist mein Vater gestorben, mit Mitte sechzig, das ist ja kein Alter, das muss ich gerade ihnen auch nicht sagen. Er hatte ein Jahr vorher bei der Stadtverwaltung aufgehört und seitdem ging es bergab, weil er nichts mehr zu tun hatte. In den letzten Monaten saß er dann nur noch mit seiner Radarpistole an der Bundesstraße, die hatte er von so einem Versandhandel aus Österreich, schweineteuer. Und die ganzen Autos, die zu schnell waren, hat er dann ans Landratsamt gemeldet. Eines Tages haben die ihm einen knappen Brief geschrieben, sein Gerät sei für Deutschland gar nicht zugelassen, die Daten könne man nicht verwenden und wenn er nichts dagegen hätte, solle er doch aufhören, seitenlange Listen zu schicken, das würde das Amt nur Zeit und Geld kosten. Zwei Tage später war er tot und meine Mutter sagt immer: „Das Landratsamt Rhein-Sieg hat meinen Armin auf dem Gewissen.“ Sie hat sich dann auch mit so Tafeln und Kerzen vors Amt gestellt und eine Mahnwache abgehalten. Zugehört hat ihr da aber niemand und wenn sich da jemand mal ihre Zettelchen durchgelesen hat, hat er sich wahrscheinlich gedacht, dass es jetzt einen Spinner weniger gibt und gut. Meine Mutter konnte das nicht so sehen, sie war ja mit Vater 35 Jahre verheiratet gewesen, in so einer Ehe steckt ja auch Herzblut drin. Also in der Ehe meiner Eltern. Denn, jetzt schnallen sie sich mal an: Ich habe ein Jahr später auch geheiratet.

Sehen sie, ich hatte ihnen ja auch noch gar nichts von Mädchen oder so erzählt, ich kann ihnen auch verraten, woran das liegt. Es gibt da nämlich nicht soviel zu berichten. Einmal, kurz nachdem bei Lorke Schluss war, habe ich mich von einem alten Schulfreund auf seine Uni Eröffnungsparty mitnehmen lassen und da bin ich dann auch nicht mehr abends nach Hause gekommen, wenn sie verstehen. Aber bei Tageslicht war mir dann schnell klar, dass die Universität Bonn nicht gerade nach Aussehen geht, wenn sie Studentinnen anwirbt.
Danach: Satz mit X. Flaute. Das mit dem Flughafen ist ja ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite hüpfen da die heißesten Geräte rum, gerade zum Thema Jungstewardessen könnte ich Ihnen da einiges erzählen. Aber die schauen dich als Techniker nicht mit dem Arsch an. Fluglotsen, Kapitäne, das ist deren Kaliber. Was für einen wie mich übrig bleibt ist der Einzelhandel und die Gastro. Das ist ja per se auch nicht schlecht, aber dann sitzen da die ganzen Geschäftsleute rum und im grauen Overall mit „Technik/Service“ Aufdruck bist du auch nicht gerade ein Weltstar. Ich hatte da ein bisschen Glück, weil ich Annette in etwas zivilerer Kleidung kennen gelernt habe. Ich bin kurz nach meinem dreißigsten mit zwei Kumpels aus der Arbeit losgezogen, von Kalle hatte ich ja schon erzählt, irre witziger Typ, schade, dass sie den nicht mehr kennen lernen werden. Und er sagt dann auch gleich: „Dreißig, du alter Sack, jetzt gehen wir mal schön auf eine Ü30 Party in Troisdorf“. Und das, obwohl er selbst fast vierzig ist, der Kalle ist eine richtige Granate. Die Party war ehrlich gesagt ein bisschen schrecklich, weil bei Ü30 geht natürlich keiner unter mindestens 35 hin und selbst Kalle war noch einer von den Jüngsten. Aber wir haben schön Pilschen getankt und uns über die alten Schabracken lustig gemacht, da sehe ich auf einmal eine, die sich beim Tanzen richtig ins Zeug legt, da kreisen die Locken zu den Spin Doctors und ich fand das interessant. Danach kommt die gute dann Richtung Bar und mir fällt fast der Kiefer runter. „Terminal B, Snack and Away“ habe ich zur Begrüßung gesagt und sie sagt: „Danke, wo ich arbeite, weiß ich gerade noch selbst.“ Das wäre es dann also, habe ich mir gedacht, aber sie lächelt und sagt, dass sie nur einen Witz machen wollte und schon waren wir im Gespräch. Und zwar mit Zunge, wenn sie wissen, wovon ich rede. Annette heißt sie also, sie ist auch nur mit ein paar Kolleginnen da gewesen, selbst ist sie noch 29, also fast illegal für Ü30. Das Mädchen ging ran wie eine Rakete: Jeden Abend treffen und bitte auch noch am Wochenende und Eltern kennen lernen und alles. Normalerweise bin ich ja mehr so für mich, aber jetzt wo meine Mutter gerade alles andere als gut drauf war, konnte ich den Haushalt natürlich schön praktisch Richtung Annette verlagern, das hat ihr nichts ausgemacht und für mich war das lebensrettend.

Sie kam eigentlich aus Göttingen, aber war schon vier Jahre am Flughafen und wohnte jetzt in Troisdorf. Ich bin dann auch bei ihr eingezogen, die Wohnung war groß genug und Mutter musste jetzt endgültig ins Heim nach Siegburg, weil sich ihre Nerven nicht mehr beruhigt haben und sie ein bisschen tatterig wurde. So richtig rausgekommen ist sie dann auch nur noch ein Mal, bei unserer Hochzeit. Die Kolleginnen vom Flughafen waren da und Kalle mit seiner Frau und Annettes Eltern und meine Mutter, schön gemütlich im kleinen Kreis. Meine Mutter saß da bereits im Rollstuhl, aber durch irgendein Pech bekommt sie den Brautstrauß direkt auf den Schoß geworfen und kriegt natürlich einen Anfall, so kurz nach dem Tod von Vater. Mutter heult also und wir sitzen da und essen schweigend Sauerbraten, so hätte ich mir das nicht unbedingt vorgestellt, aber wenn ich gewusst hätte, wie die nächsten Jahre so laufen, dann hätte ich lieber den Tag ein paar hundert Mal wiederholt, so wie bei dem Murmeltierfilm. Ich sehe ja gerade, dass sie auch einen Ring tragen, in ihrem Alter schon verheiratet, alle Achtung. Ich darf den Ring doch mal an mich nehmen, bei Gelegenheit auch gleich das Kreuz an der Halskette, ich kann das alles gut brauchen, jetzt wo es losgeht.

Bei Annette und mir läuft es anfangs also blendend, immer schön Küsschen hier, Küsschen da in der Pause und ab jetzt auch nur noch kostenloser Kaffee, mit Milchschaum und Nussgeschmack und was nicht alles. Einmal haben wir sogar das Damenklo in Bewegung gebracht, wenn wir uns da verstehen, das war auch nicht der schlechteste Tag. Im Bett lief es sowieso eins A, keine Beschwerden und nach ein paar Monaten haben wir uns dann überlegt, wie das wohl mit Kindern wäre. Ich war dafür, sie war dafür und los ging es, anfangs fast rund um die Uhr, da konnte ich mir die Hose schon im Hausflur ausziehen, wenn ich abends nach Hause kam. Nach ein paar Monaten war aber alles wie immer und ich habe mir so langsam Gedanken gemacht, ob wir nicht mal zum Arzt gehen sollten. Annette war zuerst dagegen, aber dann haben wir das doch gemacht. Der Arzt sagt, wir sollen uns da gar nicht wundern, ich habe eine niedrige Spermienanzahl und bei Annette flutscht es auch nicht unbedingt, das kann ewig dauern, wahrscheinlicher ist es aber, dass es nie klappt. Jetzt hatte ich die zweite heulende Frau in meinem Leben.

Ich mach die Angelegenheit mal kurz: Bettmäßig war ab dem Zeitpunkt Sense. Aber dafür konnte ich mir jetzt täglich anhören, was für ein Geizhals ich bin, weil ich nicht mal eben schnell 30.000 Mark für eine künstliche Befruchtung losmachen kann. Um ihnen da mal kurz Einblick zu geben: Das Erbe meines Vaters war jetzt nicht weltberühmt, aber den Großteil davon hat sowieso meine Mutter im Heim eingezahlt, wissen sie, was so eine Pflegestufe zwei kostet? Unsummen. 30.000 Mark ist also ziemlich genau das Geld, das ich gerade noch auf der hohen Kante hatte und natürlich ziere ich mich da ein bisschen. Annette hat irgendwann kaum noch mit mir geredet und so wollte ich das ja auch nicht, also habe ich am Ende zugestimmt. Lustig, wenn man aus einem Land kommt, wo alle viel zu viele Kinder haben, so wie bei ihnen. Und wir zahlen ein halbes Vermögen, damit wir auch nur eins hinkriegen. Vier befruchtete Eier haben sie ihr eingepflanzt und was kam dabei raus? Überhaupt nichts. Die Behandlung hat nicht angeschlagen. Einen Kleinwagen zum Fenster raus. Sie sitzt zuhause und heult, mir ist allein wegen dem Geld auch zum Heulen zumute und wir beide haben uns darüber hinaus nicht mehr viel zu erzählen. Nach zwei Jahren kommt sie wieder an: Ob wir das nicht doch noch mal probieren wollen. Auf natürlichem Wege wäre zu dem Zeitpunkt ja sowieso nichts möglich gewesen, aber wissen sie was: Irgendwie habe ich das Mädchen trotzdem gern gehabt. Sie war nun mal meine erste richtige Freundin, so jemanden wirfst du nicht einfach über Bord. Und natürlich hat sie mich jeden Abend bequatscht, was das auch für uns beide bedeuten könnte, wenn wir da jetzt so einen Kleinen bei uns hätten. Ich bin irgendwann völlig mürbe zur Sparkasse und habe mir 16.000 Euro geliehen, selbst Befruchtungen sind mit der Umstellung teurer geworden, vom Rest will ich gar nicht reden. Die Mitarbeiterin fand den Kredit sehr romantisch und hat uns noch Glück gewünscht. Geholfen hat es nichts, aber jetzt war mir schon alles egal und zwei Wochen später sitze ich wieder bei derselben Frau. Das Geld hat sie mir noch mal gegeben, aber von Romantik war jetzt keine Rede mehr, sondern von Finanzierungslöchern, auf die ich unbedingt achten soll. Wenn ich sie mir so ansehe, dann sind sie auch durch ein paar Finanzierungslöcher gefallen. Nur mit T-Shirt und dünner Hose, nicht einmal Schuhe haben sie an, da müssen sie auch ehrlich sein, das konnte ja nur schief gehen.

Zurück zum Text: Im dritten Versuch klappt die ganze Sache dann auf einmal. Hätte ich nie mehr dran geglaubt. Und ein paar Monate später wissen wir dann, dass es ein Junge wird. Ich war so irrsinnig stolz, wohl auch zu Recht, mit Zinsen hat mich der Kerl über 50.000 Euro gekostet, das ist ja eine ganze Stange für dreieinhalb Kilo Geburtsgewicht. Mir und Annette hat die Schwangerschaft aber nur noch mehr Ärger gebracht, es war nur noch Baby, Baby, Baby, keine laute Musik mehr im Haus, kein Fastfood, keine gruseligen Filme im Fernsehen. Geht ja alles aufs Kind über. Sagt Annette. Eine Woche vor der Geburt haben wir uns dann so richtig in die Haare gekriegt, weil ich sie massieren sollte, da habe ich mich dann ein bisschen an alte Zeiten erinnert und ihr einen Kuss auf den Hals gegeben und sie dreht völlig durch. Ich würde das Medizinische bei der Massage nicht ernst nehmen und anstelle des Kindes wäre mir nur meine Triebbefriedigung wichtig. Am Ende war ich nicht einmal bei der Geburt mit dabei und danach ist sie direkt aus dem Krankenhaus zu ihrer Mutter nach Göttingen und hat die Scheidung eingereicht. Ich hab eingewilligt, weil ich einfach nicht mehr konnte. Und wahrscheinlich wäre das Geschrei nur noch schlimmer geworden, wenn der Junge bei uns im Haus geblieben wäre. Sie können sich mal ausrechnen, wie die ganze Angelegenheit für mich aussieht: 35.000 Euro Kredit, die Wohnung in Troisdorf und ab jetzt noch monatlich Alimente. Als Haustechniker kann man das schön vergessen.

Mein Vorteil ist aber, dass ich in solchen Fragen ziemlich clever bin. Also habe ich angefangen, immer mal wieder ein bisschen zu viel an Ersatzteilen zu bestellen, wenn sich die Möglichkeit ergab. Nicht Unmengen, aber mal zehn Wasserhähne hier und ein paar Abdeckbleche da, einmal auch einen Durchlauferhitzer. Ich hab da noch einen alten Kumpel, der im Großhandel tätig ist und der hat mir die Sachen förmlich aus der Hand gerissen. Der Flughafen hat ja dann auch ein neues Terminal bekommen und gerade bei den Bauarbeiten fällt da natürlich eine Menge vom Laster runter. Und es ging dann auch halbwegs, nicht von heute auf morgen, aber in ein paar Jahren wird man so sogar einen Kredit los. Was ich jetzt leider nicht wusste: Die Herren aus der Geschäftsführung hatten sich zwischenzeitlich überlegt, wie man den ganzen Betrieb günstiger machen kann. Eines Morgens steht also ein Trupp von Anzugtypen in unserem Büro und fragt, ob sie die Belege für die letzte Zeit durchsehen können, um unsere Wirtschaftlichkeit zu überprüfen. Das war vor sechs Monaten.

Der Kredit ist weg, aber der Job seitdem eben auch, ich war da ganz ehrlich, weil ich Kalle und die anderen nicht mit reinziehen wollte. Und der Flughafen hat mich zwar hochkant rausgeschmissen, aber die wussten ja auch nicht genau, wie viel Material ich so abgezweigt hatte und deswegen haben sie es dabei belassen. Seitdem sitze ich also hier rum, mit dem Geld vom Amt komme ich hin, aber das ist ja auch nur fürs erste Jahr, dann wird es richtig eng. Und Nichtstun ist ja auch nicht unbedingt mein Ding. Das kennen sie jetzt sicher nicht, aber in Deutschland gibt es fast auf jedem zweiten Kanal eine Sendung übers Auswandern. Zeit zum Fernsehen hatte ich ja ausreichend in letzter Zeit und da macht man sich so seine Gedanken. Und dann kommt vor ein paar Wochen noch Kalle vorbei, um mal nach dem Rechten zu sehen, wie er so sagt. Und jetzt raten sie mal, was Kalle erzählt: Er ist gerade frisch aus dem Thailand Urlaub zurück, Wetter war schön, Strand prima, alles bestens. Aber wenn es um Metallarbeiten und so geht, dann ist in Thailand alles Pfusch. „Das können so Leute wie Du und ich hundertmal besser“ sagt er mir. Da fällt bei mir natürlich der Groschen: Palmen, Meer und die Frauen sind ja wohl auch etwas lockerer. Und dazu mal richtig den Laden aufräumen. „German Technik“ will ich die Firma nennen, da verstehen die Leute ja wohl, dass damit Wertarbeit gemeint ist. Ich hab mir jetzt ein Ticket nach Phuket gekauft, da hat Kalle einen Kumpel, der vermietet mir erst einmal ein Zimmer, den Rest regeln wir dann vor Ort, mit Visum und solchen Sachen kennt der sich auch aus. Die Möbel und das Auto habe ich verkauft, das nennt man dann wohl Startkapital. Bis eben habe ich noch die Wohnung geputzt, für die Übergabe. Und als ich da so in der Küche stehe, höre ich zuerst das Flugzeug, und dann dieses dumpfe Geräusch im Garten. Und jetzt stecken sie in meinem Blumenbeet, völlig tiefgefroren. Ich hab das ja schon mal in der Zeitung gelesen: Sie sind ja offensichtlich auch einer von den Afrikanern, die sich zu Hause heimlich in das Fahrwerk von einem Flugzeug schmuggeln, um irgendwie nach Europa zu kommen. Aber 10.000 Höhenmeter und minus sechzig Grad: Das macht der Körper doch nicht mit. Und jetzt hat sie das Fahrwerk in meinen Garten geschleudert. Einen Arzt muss man da nicht mehr rufen. Mal ganz ehrlich: Sie sprechen die Sprache nicht, sie waren wahrscheinlich auch nicht besonders lange in der Schule, sie wissen ja gar nicht, was Arbeitgeber so von ihnen wollen. Das wäre doch so oder so ein Debakel geworden. Das Leben im Rheinland ist auch kein Zuckerschlecken, mein Freund, das sage ich aus eigener Erfahrung. Ich muss jetzt aber auch mal los, mich bei Mama verabschieden, mein Flieger geht dann heute Nachmittag. Wünschen sie mir Glück.

Kommentare

14.02.2008
23.26 Uhr
Der Text ist schon okay, die Bitterkeit der Schlußpointe schmeckt mir natürlich bestens - aber bitte, damit wolltest du doch nicht im Ernst den Germanwings Story Award gewinnen, oder?
14.02.2008
23.27 Uhr
Und der Gürkchen-Diss-Versuch ist sehr naja, sei's drum
15.02.2008
01.40 Uhr
wieso kommt in diesem text kein einziges mal das wort luftwaffe vor? andere schreiben texte namens "london's calling" und gewinnen. germanwings. merkst du was?

und der siegertitel "mein traum vom fliegen" soll im übrigen ganz großer scheißdreck sein, wurde mir zumindest von einer flüchtig bekannten flugbegleiterin souffliert.
15.02.2008
01.45 Uhr
ha. geil. endlich. souffliert und flugbegleiterin in einem satz.

opfer. opfer. spast. spast. F. I. X. du bist tot.
15.02.2008
08.25 Uhr
Daniel_: Du hast völlig Recht. In Retrospektive ist mir absolut unklar, warum ich daran glauben konnte, dass Germanwings das nicht so eng sieht, wenn es um Flugsicherheit etc. geht. Naivität der Jugend des letzten Herbstes.
15.02.2008
12.07 Uhr
ah, der Fix nun auch im 10 000 miles club?
15.02.2008
12.53 Uhr
easyjetset. eben.
15.02.2008
19.44 Uhr
Ich stelle mir vor, wie Germanwings an verärgerte Kunden dieses Buch verteilt und der verärgerte Kunde schlägt den häßlichen Band also auf und liest diese Geschichte. Ich wette: damit ist dann auch der Kunde Geschichte, aus der Sicht von Germanwings. Was definitiv für den Text spricht.

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