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ROCKER'S AREA

Als ich einmal Robbie Williams war

Die gute alte Zeit: als Schüler noch die einzigen Menschen waren, die im Freien rauchen mussten, und ich einen grünen Iro auftrug (Pictures inside!)
An fränkischen Schulen ist es Usus, dass die Abiturklasse unangekündigt im Abschlussjahr in einer Nacht in die eigene Schule „eindringt“, dort übernachtet und am nächsten Tag die Schule „besetzt“, den Unterricht ausfallen lässt, alberne Spiele mit Lehrern auf einer Bühne vollführt und sich selbst in diversen Aufführungen zum Affen macht.

Auch in meinen jungen Jahren war ich dem sich zum Affen machen nicht abgeneigt und so fand eine um 3 Uhr nachts vor dem „Abistreich“-Tag in der Schule spontan aufgekommene Idee meine Zustimmung. Wir schreiben das Jahr 1996 und Harald Schmidt erklärt auf Sat 1 damals noch den Kindern und Jugendlichen wie sie sich die Pulsadern aufschlitzen sollten, damit das mit dem Selbstmord auch klappt. Take That hatten Robbie Williams aus der Band geworfen, weil jener an einem Glastonbury Wochenende mit Oasis saufen ging. Wenige Monate später hängten dann auch Take That selbst die knallengen Shirts an den Nagel. Betroffenheit bei allen Anhängern von Scheiß-Musik war die Folge – und jene nächtliche Idee: wie wäre es denn, wenn fünf Grobmotoriker aus unserer Abschlussklasse einen letzten Take That Auftritt nachstellen würden? Fünf? Es waren doch nur noch vier Take Thatler! Aber nein, wenn schon dann richtig – eine Reunion sollte es sein, Robbie Williams noch einmal zu seinen alten Kumpanen dazu stoßen und die Performance seines Lebens liefern.

Das Casting

Nicht sonderlich überraschend wurde schnell klar, dass nur einer den gutaussehenden Rockrevoluzzer mit Oasis-Vorliebe in dieser Klasse spielen konnte: euer very own Christian_aka. Robbie Willams hatte in den Monaten zuvor gerne auch mit seinen Haaren experimentiert, trug bei seinem Oasis-Begleitauftritt in Glastonbury hell blondierte Haare auf und hatte eine Vorliebe für diverse Alkoholika entwickelt. Da auch ich selbst zu jener Zeit ein Faible für sich oft ändernde Haarfrisuren hatte (eine Geschichte, die ich gerne einmal separat erzählen werde) und in einem Jahr, als David Beckham noch Metrosexualität für GV in der U-Bahn hielt, auf 8 verschiedene Haarfrisuren und –farben kam, war die Besetzung des Robbie-Williams-Parts natürlich schnell geklärt. Just in diesen Tagen trug ich einen grünen Iro auf, der – ich gebe es zu, auch wenn man es nicht vermutet – allerdings anders aussehen sollte und durch meine übliche Verwirrtheit allerdings irreparabel diese Form annahm.
Die anderen Rollen wurden nach Körpergröße und -Fülle verteilt (irgendeiner muss ja auch Gary Barlow spielen!) und ab ging es an die Choreographie.

Die Choreographie

Heimkind, Neger, Pionier und Vortänzer Detlef „D“ Soost hätte seine Freude gehabt an diesem Fünferpack, das verzweifelt seine eigenen rhythmischen Unzulänglichkeiten durch charmante Bühnenpräsenz auszugleichen versuchte und bis 7 Uhr morgens vier Stunden an seiner Take That Choreographie feilte. Wir wählten „Never Forget“, den letzten Song in Originalbesetzung, für unseren großen Auftritt aus. Kundige des Videoclips (ja, liebe Kinder, es gab eine Zeit als MTV noch Musikvideos spielte) wussten zu berichten, dass Take That mit Feuerwehrhelmen bekleidet zu „Never Forget“ auf die Bühne kamen und schwupps nutzten wir die Lage unserer Schule als Nachbar der Fürther Berufsfeuerwehr, um uns dort fünf original Feuerwehrhelme auszuleihen. Wichtig war bei Boybands damals ja auch die exakt gleiche Kleidung. Wir entschieden uns für hellblaue Jeans und knallenge weiße T-Shirts, die unsere fantastischen Figuren betonen sollten. Gayer hätte es nur werden können, wenn wir uns als Polizisten, Indianer, Bauarbeiter, Soldaten, Cowboy und Biker auf die Bühne gestellt und dabei „I Am What I Am“ gecovert hätten.

Zunächst übten wir unseren Auftritt hinter verschlossenen Türen, dann in aller Herrgottsfrüh noch einmal auf der extra errichteten Bühne im Pausenhof.

Der Einmarsch

Später, als die Massen den Hof füllten, rückte unser Auftritt näher.
Der Klassenidiot wurde Confrencier und kündigte der überraschten Schülermeute den letzten Auftritt von Take That ever (EVER!) an. Jubel brandete auf als die vier Take Thatler mit Feuerwehrhelmen auf die Bühne schritten. Als die Ansage durch den Pausenhof schallte, auch Robbie Williams würde für die einmalige Reunion zu seiner alten Band stoßen, glich der Pausenhof einem Tollhaus auf Ecstasy.


Da wird der Pausenhof in der Pfanne verrückt.


Ich bahnte mir einen Weg durch die Massen und stieg zu meinen Freunden auf die Bühne. Wir nahmen Aufstellung in der Mitte und begannen unsere Anfangschoreographie: das verzückend langsame Absetzen des Feuerwehrhelms zu dem Klängen des Kinderchors, der „Never Forget“ eröffnete.


Pfiffige Idee, das mit den Helmen!


Der Auftritt

Die „Musik“ setzte ein und wir begannen unsere mühsam einstudierte Choreographie aufzuführen. Wir legten theatralisch unsere Helme ab und schlüpften in eine freche Verkleidung aus Baseballcap kombiniert mit Sonnenbrille, die besonders beim weiblichen Publikum gut ankam.


Frech setzen die fünf ihre Baseballmützen verkehrt herum auf.



Nach vielen mehr oder minder gleichzeitigen Tanzschritten der fünf Freunde, die wohl mehr drei Fragezeichen als viele Ausrufezeichen zu setzen vermochten, kam die zentrale Figur der „Raupe“:


mehr gleiche Tanzschritte.



minder gleiche Tanzschritte.



alle fünf reihten sich perlengleich hintereinander, gingen auf die Knie und lieferten unter maximalem körperlichen Einsatz eine Tanzfigur, deren sexuelle Konnotation den Fünftklässlern vielleicht verborgen blieb, aber ohne Frage Begeisterungsstürme hervorrief.


Raupe, mit Oasis-Shirt.




Raupe, mit Publikum.



Das Desaster

So gut war der Auftritt, dass minutenlange Zugabe-Schreie durch den Hof hallten und sich die fünf Tänzer tatsächlich zu einem zweiten Song hinreißen ließen. Da keiner von uns aber auch nur annähernd tanzen oder sich rhythmisch bewegen konnte, wurde ohne das Schutzschild einer genau ausklügelten Choreographie der zweite Song, Take Thats Bee Gees Cover „How Deep Is Your Love“, zu einem Desaster auf zehn Beinen. Wenn schon untergehen, dann aber richtig, schoss es mir wie eine Kugel durch den Kopf, und ich rief den Mittänzern zu, dass nun nur noch die ewiggültige Devise „sex sells“ Ansage sein könne und dass wir jetzt sofort und auf jeden Fall alle unsere weißen T-Shirts zerreißen und der seltsamerweise immer noch jubelnden Masse zuwerfen müssten.


Sex sells and you know it.


Überraschenderweise hörten Gary, Jason, Howard und Mark auf ihren Robbie und wir bestritten die zweite Hälfte des Songs mit nacktem Oberkörper wie Gott uns geschaffen hat. Gayer hätte es nur werden können, wenn wir uns als nackte Polizisten, Indianer, Bauarbeiter, Soldaten, Cowboy und Biker auf die Bühne gestellt und dabei „I Am What I Am“ gesungen hätten.


gayer.




Das Desaster des zweiten Songs war schnell vergessen – Hühnerbrust rules – und wir genossen den Rest des Tages wattig eingehüllt in die Glückshormone des One-Hit-Wonders, dessen zweite Single nicht einmal in die Top 100 geht, aber weiß, dass seine 15 Minutes Of Fame schon irgendwie geil waren.



So schreibt man Ekstase.

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Kommentare

25.03.2008
13.54 Uhr
Christian, am besten gefällt mir die Frisur;-)
Ha ha, respekt respekt
25.03.2008
18.57 Uhr
You sexy motherfuckers! Aber die frisur verdient ein Revival. Und bitte bald die Geschichte deiner Frisuren.
25.03.2008
22.11 Uhr
aiiaiiiaiiiii. traum meiner schlaflosen teenienächte.
also der robert peter w. . das wühlt erinnerungen auf.
25.03.2008
23.21 Uhr
detailfrage: steckt das "knallenge, weiße t-shirt" in deiner unterhose (BILD 4)????
26.03.2008
00.06 Uhr
Wenn ich das nochmal so sehe, muss ich sagen, dass das einer der geilsten Abischerze an unserer Schule war. Zumindest aber ist dieser Part definitiv als "legendär" zu titulieren. Meine spontane "Born to be wild"-Performance vom Jahr zuvor kann dagegen wohl nicht anstinken.
26.03.2008
09.11 Uhr
die, lieber lassie, war aber durchaus ebenfalls sehr beeindruckend, insbesondere im kontrast zu deinen weitestgehend schrecklichen klasskameraden.
27.03.2008
08.54 Uhr
hach, die stets fantastischen abischerze der 90er jahre. die örtlichkeit stahlt den charme des hinterhofs einer geschlossener justizvollzugsanstalt für jugendliche mit schlechtem musikgeschmack aus. galore geschichte!
28.03.2008
01.53 Uhr
the return of jimmy summerville. ich ziehe meinen hut. oder eher mein shirt?


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